Wiederansiedlung der heimischen Europäischen Auster -Aufbau einer Aufzuchtanlage

Austernbänke gelten als Hot Spots der biologischen Vielfalt. Sie leisten vielfältige Ökosystemfunktionen für ihre Umgebung und bilden damit einen einzigartigen Lebensraum. Die Bestände der Europäischen Auster erstreckten sich einst über weite Bereiche des Meeresbodens der deutschen Nordsee. Durch verschiedene anthropogene Faktoren, vor allem durch Überfischung, gilt die Art dort heute als funktionell ausgestorben. Um diesen wichtigen Ökosystemingenieur wieder zurück in die deutsche Nordsee zu bringen, werden nun langfristige Wiederansiedlungsprogramme geplant und durchgeführt. Eine ausreichende Versorgung mit jungen Austern ist dafür eine grundlegende Voraussetzung. Das Projekt PROCEED umfasst daher den Aufbau einer nachhaltigen Produktion von jungen Saataustern für geplante Restaurationsvorhaben. Gleichzeitig erfolgt ein umfassender Wissenstransfer in die Gesellschaft um das Bewusstsein für die Bedeutung dieser wichtigen ökologischen Schlüsselart zu schärfen. Am Beispiel der Lebensgemeinschaft Austernbank werden die Begriffe Biodiversität und Ökosystemleistungen Zielgruppen orientiert erklärt.

Die Europäische Auster Ostrea edulis besiedelte einst weite Gebiete des Meeresbodens der Nordsee. Damit bildete sie ein einzigartiges biogenes Hartsubstrat auf dem sonst sandigen Meeresboden. Durch andauernden Fischereidruck, weitere anthropogene Stressoren und Umweltveränderungen wurden die Populationen der Europäischen Auster Mitte des letzten Jahrhunderts stark dezimiert und gelten heute als funktionell ausgestorben. Mit ihnen verschwanden auch ihre wichtigen Ökosystemleistungen: Sie filtrieren große Mengen Seewasser und erhöhen somit die Wasserqualität, verringern lokal toxische Algenblüten und fördern die Deposition im Wasser gelöster Partikel und Nährstoffe im Meeresboden. Sie festigen den Meeresboden und tragen damit in flachen Wassertiefen zum Küstenschutz bei. Als weitere wichtige Ökosystemleistung ist außerdem die Erhöhung der biologischen Vielfalt zu nennen: Austernbänke bieten Siedlungs- und Versteckraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und gelten als Laichgrund und Kinderstube für eine Vielzahl von Fischarten. Die heimische Auster ist daher eine ökologische Schlüsselart; für Ostrea edulis Riffe sind mindestens 130 assoziierte Arten dokumentiert. Damit zeichnen sich diese biogenen Riffe, ähnlich wie Korallenriffe in tropischen Gewässern, als Hot Spots der biologischen Vielfalt aus.
Auf Basis einer 2014 im Auftrag des BfN erstellten Machbarkeitsstudie werden seit 2016 im E+E-Vorhaben „RESTORE“ vom Alfred-Wegner-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in enger Zusammenarbeit mit der BfN-Abteilung „Meeresnaturschutz“ Methoden zum nachhaltigen Wiederaufbau eines Austernbestandes in der deutschen Nordsee entwickelt und im Meer getestet. Erste Ergebnisse aus dieser Untersuchung haben gezeigt, dass für eine erfolgreiche Wiederansiedlung die ausreichende Versorgung mit jungen Austern („Saataustern“) ein limitierender Faktor ist. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurde 2019 das Projekt PROCEED gestartet, dessen Ziel es ist eine auf die Wiederansiedlung ausgerichtete Saatausternproduktion in Deutschland zu entwickeln und zu betreiben. PROCEED wird aus Mitteln des Bundesumweltministeriums im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt in dem Förderschwerpunkt „Ökosystemleistungen“ gefördert (Laufzeit 2019 – 2025). Die Austernaufzuchtanlage wird am AWI Standort Helgoland betrieben und versorgt von dort aus langfristige Restaurationsvorhaben mit den nötigen Saataustern. Neben der Produktion beschäftigt sich PROCEED mit dem Aufbau eines gesunden und genetisch vielfältigen Elterntierbestandes sowie der begleitenden Forschung, um biologische und technische Fragestellungen und deren mögliche Lösungen direkt im aktiven Betrieb zu erarbeiten.
Weil der Schutz und die Restauration einer für ihren Lebensraum so wichtigen Art nur gemeinsam mit anderen europäischen Partnern gelingen kann, wird im Rahmen des Projektes ein von BfN und AWI gemeinschaftlich gegründetes, europäisches Netzwerk zur ökologischen Stärkung der heimischen Austernart und der Lebensgemeinschaft Austernriff (Native Oyster Restoration Alliance - NORA) aktiv begleitet, unterstützt und ausgebaut.
Ein wichtiges Projektziel ist außerdem ein intensiver Wissenstransfer in die Gesellschaft: Die komplexe Lebensgemeinschaft Austernbank wird dabei genutzt, um die Rolle und Funktion ökologischer Schlüsselarten, die Bedeutung der Biodiversität und weiterer wertvoller Ökosystemleistungen zu erklären. Dies wird im Rahmen eines Zielgruppen orientierten Kommunikations- und Bildungskonzeptes u.a. mit einer Online-Wissensplattform, Dauerausstellungen in den Natur- und Erlebniszentren auf den Inselstandorten Sylt und Helgoland, sowie speziell entwickelten Lehrmaterialien für den Einsatz im Unterricht erreicht. Die Europäische Auster und ihr wichtiger Beitrag zur Biodiversität wird damit nicht nur zurück in die deutsche Nordsee sondern auch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Die Europäische Auster ist ein Ökosystemingenieur. Ihre Rückkehr in die Nordsee bedeutet eine substantielle Erhöhung der Biodiversität und Produktivität durch den von ihr gebildeten Lebensraum. Durch die Steigerung der biologischen Vielfalt ist die ökologische Bedeutung einer Austernbank ist mit der anderer biogener Riffe, z.B. Korallenriffen, vergleichbar. Wiederansiedlungsversuche in den USA mit dort heimischen Austernarten belegen eine deutliche Steigerung der Biodiversität als zentrale Ökosystemleistung in den restaurierten Austernriffen. PROCEED leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung und zum Erhalt der biologischen Vielfalt in der deutschen Nordsee.


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Besuchen Sie uns

Austernaufzuchtanlage Helgoland

Am Handelshafen 12
27570 Bremerhaven

Öffnungszeiten: auf Anfrage (Derzeit im Bau)

Frau Corina Peter
Tel.:(0471 4831 2762
corina.peter@awi.de
https://www.awi.de/forschung/biowissenschaften/oekologie-der-schelfmeere/schwerpunkte/europaeische-auster/proceed.html

 

Weitere Infos

Alfred-Wegener-Institut/ BfN/ BMU
Bremerhaven

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