Tatort Straßenbeleuchtung

Tatort Straßenbeleuchtung ist dem nächtlichen Insektensterben auf der Spur. Straßenbeleuchtungsanlagen ziehen dämmerungs- und nachtaktive Fluginsekten wie Staubsauger an und können Flugbarrieren im Lebensraum von Insekten bilden. Es gilt dringend Lösungen für eine insektenfreundliche Beleuchtung zu finden und diese in die Praxis umzusetzen. Gemeinsam mit Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern (z.B. Anwohnerinnen und Anwohnern, Schülerinnen und Schülern oder Vereinsmitgliedern) soll die Wirkung eines umweltverträglichen Designs für Straßenbeleuchtung getestet werden. Eine konsequente Abschirmung der Leuchtmittel soll die Abstrahlung und Reflektion des Lichtes auf die Flughöhe der Insekten sowie in angrenzende Biotope, wie Gewässer und Uferzonen, weitestgehend verhindern. Das neue Straßenbeleuchtungsdesign wird in vier Kommunen umgesetzt und die Auswirkungen zwei Jahre vor und zwei Jahre nach der Umrüstung überprüft, sowie im Direktvergleich anhand von einzelnen, in Reihe stehenden Leuchten, die nicht umgerüstet werden. Man schätzt und schützt, was man kennt. Insofern wird in Workshops die taxonomische Unterscheidung von Insekten sowie deren Ökosystemfunktionen vermittelt. Für Hobbyentomologinnen und -entomologen wird zudem ein europaweites Netzwerk für einen unkomplizierten Wissensaustausch über heimische Insekten zur Verfügung gestellt.

Im Fokus des Projekts steht der Schutz der biologischen Vielfalt durch Umsetzung eines Straßenbeleuchtungsdesigns, das den Anziehungsradius von Fluginsekten an Straßenleuchten minimiert. Straßenbeleuchtung kann nachtaktive Fluginsekten stark beeinträchtigen, da viele Insekten vom Licht der Leuchten angezogen und ihren Lebensräumen entzogen werden. Ein bewussterer Umgang mit Beleuchtung in öffentlichen, privaten und gewerblichen Bereichen hilft, den negativen Auswirkungen durch künstliches Licht in der Nacht entgegenzuwirken, schont Ressourcen und unterstützt damit den Schutz des Klimas, der biologischen Vielfalt und explizit der Insektenfauna.

Projektziele
Das Projekt verbindet ökologische Forschung, ingenieurwissenschaftliche Expertise, Initiativen aus dem Natur- und Umweltschutz mit Entscheidungsträgern in kommunalen Behörden und Industrie. Konkret soll ein insektenfreundliches Straßenbeleuchtungsdesign umgesetzt und etabliert werden, das den Anziehungsradius für Fluginsekten an Straßenleuchten minimiert. Damit soll eine möglichst ungestörte Nutzung von Lebensräumen, wie Biotope, Gewässer und Uferzonen, durch dämmerungs- und nachtaktive Fluginsekten ermöglicht werden.
Der Leitfaden zur „Neugestaltung und Umrüstung von Beleuchtungsanlagen im öffentlichen Raum“ (BfN Skript 543) soll unter praxisnahen Bedingungen umgesetzt werden. Die Auswirkungen durch optimierte Beleuchtungslösungen auf die biologische Vielfalt sollen überprüft und dokumentiert werden, um in entsprechende Verwaltungsverfahren einzufließen, wie zum Beispiel für die Natura 2000 Kulisse. Weiterhin sollen die Ergebnisse bestehende Regelwerke und Qualitätskriterien für gute Straßenbeleuchtung (z.B. der Internationalen Beleuchtungskommission) mit Aspekten des Artenschutzes erweitern. Schließlich dient das Projekt der Umweltbildung, um Kenntnisse über die heimische Insektenfauna und das Bewusstsein für negative Auswirkungen durch Beleuchtung in der Bevölkerung zu stärken.

Projektpartner
Das Projekt wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert. In den nächsten Jahren (Förderlaufzeit 2019-2025) wird die Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Lichttechnik der TU-Berlin und vier Partnerkommunen in drei Bundesländern (Stadt Krakow am See (Mecklenburg), Stadt Fulda (Hessen), OT Gülpe im Landkreis Havelland & OT Neuglobsow im Landkreis Oberhavel (Brandenburg)) ein umweltverträgliches Straßenbeleuchtungsdesign evaluieren. Gemeinsam mit Anwohnerinnen und Anwohnern, Schülerinnen und Schülern sowie mit weiteren Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern soll der Effekt auf die heimische Insektenfauna untersucht werden. Die Umweltbildung wird durch die Naturparkverwaltungen Stechlin-Ruppiner Land, Nossentiner /Schwinzer Heide und Westhavelland, sowie das UNESCO Biosphärenreservat Rhön unterstützt. Das EU Projekt ACTION (pArticipatory sCience ToolkIt against pOllutioN) unterstützt weiterhin die bürgerwissenschaftliche Teilnahme am Projekt, um zu motivieren, zu vernetzen und Ergebnisse frei verfügbar zu machen.

Untersuchungsmethoden
Die TU-Berlin hat die technischen Bedingungen für eine verkehrssichere und umweltverträgliche Straßenleuchte berechnet. Auf einem Untersuchungsfeld des IGBs im Westhavelland wird die Wirkung des neuen Straßenbeleuchtungsdesigns im Vergleich zu herkömmlichen Kofferleuchten untersucht. In diesem Untersuchungsgebiet werden die Auswirkungen durch Beleuchtung auf ein aquatisch-terrestrisches Ökosystem seit 2012 verfolgt. Im kommenden Jahr wird der Prototyp des neuen Leuchtendesigns in diesem Untersuchungsfeld getestet und optimiert, um danach in den vier Partnerkommunen installiert und erprobt zu werden. Dazu wird ein Teil der bestehenden Straßenbeleuchtung der Kommunen in der Nähe von Gewässern umgerüstet und ein Teil für einen Direktvergleich im alten Zustand belassen.
Das Verhalten der Fluginsekten an den Leuchten wird zwei Jahre vor und nach der Umrüstung auf das neue Straßenbeleuchtungsdesign untersucht. Dazu werden für jeweils 24 Stunden monatlich Insektenfallen an den Leuchten sowie weitere Lichtfallen in Biotopen hinter der Straßenbeleuchtung vom Wasser aus gehend aktiviert. An den Leuchten wird die Anlockwirkung auf Fluginsekten untersucht und mit den Lichtfallen hinter der Straßenbeleuchtung die Barrierewirkung auf aus dem Wasser schlüpfende Fluginsekten. Der Schlupf aquatischer Fluginsekten wird gleichzeitig mithilfe sogenannter Emergenzfallen im Wasser für eine Woche überprüft. Um die Messungen zur gleichen Zeit und zu den gleichen natürlichen Lichtbedingungen durchzuführen, werden diese immer zum abnehmenden Halbmond stattfinden. Die gefangenen Insekten werden dann in Workshops unter bürgerwissenschaftlicher Beteiligung taxonomisch bestimmt.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Die globale Erhellung durch künstliches Licht in der Nacht steigt pro Jahr um ca. 2-6% und macht auch vor Naturschutzgebieten keinen Halt. In über einem Drittel der Schutzgebiete (z.B. Biosphärenreservate oder Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiete) ist eine Erhellung des Nachthimmels nachweisbar. Schlecht abgeschirmte Leuchten tragen direkt zur Erhellung der Nachtlandschaften bei und Lichtdome über urbanen Gebieten, die durch atmosphärische Streuung und Reflektion des Lichtes entstehen, erhellen die Nacht großflächig. Lampen ziehen Insekten wie Staubsauger aus ihren Lebensräumen und können die Funktionen von Ökosystemen beinträchtigen. Weiterhin werden dämmerungs- und nachtaktive Organismen beeinträchtigt, welche sich evolutionär an die Schwachlichtbedingungen der Dämmerung und Nacht angepasst haben. Ihre Lebensräume und Lebensgemeinschaften können durch den Einfluss künstlichen Lichts bedeutend verändert werden. Chronische Veränderungen des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus können zu saisonalen Verschiebungen, zur Schwächung einzelner Organismen und zum Verschwinden lichtsensibler Arten führen. Mehr und mehr Studien weisen Verhaltensänderungen einzelner Arten nach, welche sich kaskadenartig auf ganze Ökosysteme auswirken und damit auch tagaktive Organsimen beeinträchtigen können. Die Beeinträchtigungen führen zu einem Verlust der biologischen Vielfalt auf allen Ebenen: der genetischen Diversität, der Artenvielfalt (Flora und Fauna) sowie der Vielfalt an Lebensräumen.


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Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

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Öffnungszeiten: 10:00 - 18:00

Frau Dr Sibylle Schroer
schroer@igb-berlin.de
http://www.tatort-strassenbeleuchtung.de

 

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