Sonderwettbewerb Soziale Natur

Industriewald Rheinelbe – Wildnis- und Naturerfahrungsraum im Ruhrgebiet

Im urbanen Raum steht den Menschen immer weniger Freiraum zur Naturerfahrung zur Verfügung. So findet im Ballungsraum Ruhrgebiet das Spielen der Kinder häufig drinnen statt. Dabei sind Naturerfahrungen, das Entdecken von Natur und Umwelt mit allen Sinnen, toben, bauen, freispielen und „sich ausprobieren können“ für die kindliche Entwicklung wichtig. Naturerfahrungen, das Entdecken der biologischen Vielfalt haben unter anderem einen positiven Einfluss auf die Phantasie, die Kreativi-tät, die Sozialkompetenz sowie die Konzentrationsfähigkeit und die motorischen Fä-higkeiten. Hinzukommen die verschiedenen positiven Wirkungen von Natur, insbe-sondere Wald, auf die menschliche Gesundheit.

Bereits 1996 wurde das sogenannte „Restflächenprojekt“ im Rahmen der Internatio-nalen Bauausstellung Emscher Park gestartet. Es hat zum Ziel, Industriebrachen des Ruhrgebiets durch natürliche Sukzession hin zu Wald und neuen biologisch vielfälti-gen, multifunktional und wertgeschätzten Lebensräumen für Flora und Fauna zu entwickeln; sie sind Hotspots biologischer Vielfalt. Die Aneignung des Raumes durch die Menschen ist ein weiteres wichtiges Projektziel. Denn im Ballungsraum und be-sonders im Süden von Gelsenkirchen sind Freiräume als Rückzugsflächen für die Natur und Naturerfahrungsräume für die Menschen, insbesondere für Kinder, äu-ßerst rar.

Das Herzstück dieses „Freilandexperiments“ bildet der Industriewald Rheinelbe, einer ehemaligen Zeche, in Gelsenkirchen-Ückendorf. Auf diesem Gelände betreibt Wald und Holz NRW mit Partnern das Waldinformationszentrum „Forststation Rheinelbe“ im Gebäude der ehemaligen Schaltzentrale. Rheinelbe liegt südlich des Gelsenkir-chener Stadtzentrums und ist von Wohnquartieren mit hohem Entwicklungsbedarf, Schulen und Kindergärten umgeben.

Geographisch liegt der Industriewald Rheinelbe im Städtedreieck von Gelsenkirchen, Bochum und Essen an der Naht zwischen einem bürgerlichen Stadtteil und Quartie-ren mit sozialen Problemen sowie einem hohen Bevölkerungsanteil mit Migrationshin-tergrund. Der Industriewald Rheinelbe mit seiner Forststation entfaltet Sogwirkung in alle Richtungen, sodass auch die Kinder aus Quartieren mit hohem Entwicklungsbe-darf vom Naturerfahrungsraum Industriewald Rheinelbe profitieren. Er ist ein Wald für alle, gibt Raum für Begegnung und Bewegung, ist ein Ort der Ruhe und Entspan-nung und stiftet ein Heimatgefühl.

Altersgerechtigkeit und Sozialgerechtigkeit einerseits und erlebbare, vielfältige und artenreiche Natur vor der Haustür andererseits wurden hier seit Projektbeginn durchgängig zusammen gedacht.

Eine zentrale Rolle in dieser ganzheitlichen Betrachtung kommt dabei den Mitarbei-tenden der Forststation vom Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen zu, der dieses Projekt im Rahmen seiner Schwerpunktaufgabe Urbane Wälder im Regi-onalforstamt Ruhrgebiet trägt und sich vor Ort kümmert. Die vor Ort täglich präsen-ten Forstleute sind für die Menschen wahrnehmbar und ansprechbar. Sie begleiten Gruppen interessierter Großstädter als nahbare, kundige Vermittler und Erklärer. Sie sind ebenso Begleiter und Behüter und manchmal auch Pfleger der Lebensgemein-schaften, die sich hier in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben.

Die Mitarbeitenden der Forststation Rheinelbe stehen seit vielen Jahren im direkten Kontakt zu Kindergärten, Schulen, sozialen Einrichtungen und informieren über die vielfältigen Funktionen des (Industrie-)Waldes, seine biologische Vielfalt und seinen Nutzen gemäß dem Motto „Nur was man kennt, schützt man“. Sie leisten im Bal-lungsraum einen wesentlichen Beitrag zur Bildung einer nachhaltigen Entwicklung, begleiten, motivieren und sind Ansprechpartner der Menschen. Nachfragebedingt liegt ein Schwerpunkt der Umweltbildung im Kindergartenalter, also den erwiesener-maßen prägenden und weichenstellenden ersten sechs Lebensjahren eines Men-schen. Mehrere Kitas aus der Umgebung nutzen die Möglichkeiten und Angebote in verstetigten Waldprojekten mit unterschiedlichen Zeitmodellen.

Über Kindergärten und Schulen lassen sich auch Geschwister, Eltern- und Großel-tern - auch mit Migrationshintergrund und trotz Sprachbarrieren - erreichen und für Rheinelbe begeistern und integrieren, sodass die Menschen begannen, den Naturer-lebnisraum auch außerhalb organisierter Termine für sich zu entdecken. Auch wegen dieses Nachhaltigkeitseffektes haben die Forstamtsmitarbeitenden den Schwerpunkt Kita immer weiter ausgebaut.

Ein Ziel des Projektes war und ist, das integrative Potential von Industriewald als Na-turerfahrungsraum für sozial benachteiligte Menschen, insbesondere für Kinder auf-zuzeigen. Im Laufe des Projektes stellte sich heraus, dass die Umweltbildungsveran-staltungen mit den Kindergruppen über die vorgenannten positiven Wirkungen hinaus auch auf dem Gebiet der Sprachförderung, der Integration bis hin zu therapeuti-schen Erfolgen bei Einzelschicksalen mit traumatischer Flüchtlingsbiografie oder ADHS-Symptomatik wirken. Das Projekt wurde und wird wissenschaftlich begleitet. Die gewonnenen Erkenntnisse sind und werden in Leitfäden zum Nachahmen zu-sammengefasst, so z. B. in dem Buch „Der Wald ist voller Wörter“.

Projektpartner sind NRW Urban GmbH & Co. KG und das Regionalforstamt Ruhrge-biet des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen. Kooperationspartner des Regionalforstamtes Ruhrgebiet sind neben zahlreichen Kitas Grund- und weiter-führende Schulen, die Stadt Gelsenkirchen, verschiedene Kirchengemeinden und soziale Einrichtungen, die Deutsche Waldjugend, die Zollverein-Stiftung, die Stiftung Industriedenkmalpflege, das Gelsenkirchener Agenda21-Büro, die Biologische Stati-on Westliches Ruhrgebiet, der Regionalverband Ruhr, das Landesamt für Natur-schutz sowie die Universitäten in Essen, Bochum, Dortmund und Wuppertal.

Die Projektfläche Rheinelbe mit zwei Halden und ebenen Arealen umfasst insgesamt 36 Hektar, davon 16 Hektar Landeseigentum von Wald und Holz NRW sowie dem Grundstücksfonds NRW und 20 Hektar des Regionalverbandes Ruhr. Der zentrale Naturerfahrungsraum hat eine Größe von 16 Hektar.

Jährlich finden zwischen 100 und 130 Gruppentermine mit 3.500 bis 4.000 teilneh-menden Kindern und Erwachsenen statt. Seit Projektbeginn wurden rund 2.900 Ver-anstaltungen mit über 90.000 erreichten Menschen durchgeführt.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Naturerfahrungsräume können generell durch intensiv und extensiv bespielte Bereiche sowie durch extensive Pflege bzw. das Zulassen von freier Vegetationsentwicklung einen Beitrag zur biologischen Vielfalt leisten.
Durch die unterschiedlichen Sukzessionsstadien, z. B. Ruderalfluren in den intensiv bespielten Bereichen, kann die Lebensraum- und Artenvielfalt im Vergleich zu herkömmlichen Grünanlagen erhöht werden. Im Zuge der Sukzession haben sich geschützte Arten wie z.B. Zwergfledermaus, Kreuzkröte, Geburtshelferkröte, Laubfrosch, Grünspecht, Kleinspecht, Hohltaube, Waldkauz, Waldschnepfe, Mäusebussard, Habicht, Sperber, Graureiher, breitblättrige Stendelwurz, kleines Tausendgüldenkraut auf der Fläche eingefunden.
Ein Projektergebnis ist die Multifunktionalität des Industriewaldes Rheinelbe, zum einen als biologisch vielfältiger Lebensraum, zum anderen als wichtiger Naturerfahrungsraum mit integrativer Wirkung für den Menschen.
Im Sinne der Strategie zur biologischen Vielfalt ist im Ruhrgebiet eine umwelt- und sozialgerechte Verteilung von Grünflächen bzw. ein sozialgerechter Zugang zu Natur wichtig.
Das Projekt trägt diesem Aspekt durch die Flächenauswahl sowie durch den Einsatz der „Förster vor Ort“ als Ansprechpartner, Kümmerer und Vermittler Rechnung.
Der Industriewald Rheinelbe leistet einen Beitrag, Stadtkindern im urban geprägten Umfeld wieder einen alltäglichen Zugang zum Wald im Wohnungsumfeld zu ermöglichen.


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Besuchen Sie uns

Industriewald Rheinelbe, Forststation Rheinelbe

Virchowstr.123
45886 Gelsenkirchen

Öffnungszeiten: Der Industriewald Rheinelbe ist ein Wald für alle und ist frei zugänglich. Sie sind herzlich willkommen.

Herr Oliver Balke
Tel.:0209 - 1474844
oliver.balke@wald-und-holz.nrw.de
http://www.wald-und-holz.nrw.de

 

Weitere Infos

Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, Regionalforstamt Ruhrgebiet
Gelsenkirchen

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