Wege in Niedersachsen (W i N)

Ein Wirtschaftswege- und Biotopverbundkonzept wird für die ländlich geprägte niedersächsische Stadt Rehburg-Loccum erstellt. Sie ist die Modellregion, für die in einem integrativen Dialogprozess ein nachhaltiges Unterhaltungs- und Pflegeprogramm für die Wegeinfrastruktur in Feld und Flur entwickelt wird.

Im Dialog stehen dafür lokale Experten aus Landwirtschaft, Naturschutz, Politik, Verwaltung, Tourismus und Heimatpflege. Im Sinne eines bürgerwissenschaftlichen Ansatzes wird die örtliche Bevölkerung am Entwicklungsprozess beteiligt. Die Teilhabe der lokalen Experten und Multiplikatoren schafft ein Verständnis für die gegenseitigen Interessen und stärkt die Akzeptanz für die geplanten Wegebaumaßnahmen im Einklang mit einem nachhaltigen Naturschutz.

Am Beginn steht eine Bestandsaufnahme der Wege und ihrer Wegraine. Daraus wird ermittelt, wie das Wegenetz zukünftig strukturiert und einzelne Wege in ihrer Bedeutung klassifiziert werden sollen. Zugunsten des Biotopverbunds wird außerdem bestimmt, welche Wegraine für den Erhalt der biologischen Vielfalt besonders wichtig sind.

Als Ergebnis wird ein Konzept vorliegen, das die Kommune in der Unterhaltung der Wege finanziell entlastet und ihr gleichzeitig die Erhaltung, Revitalisierung und ökologische Pflege der Wegraine ermöglicht. Durch das Konzept W i N können so der der kommunale Außenbereich gestärkt, der Biotopverbund im Stadtgebiet verbessert und die biologische Vielfalt nachhaltig geschützt werden.

Niedersachsen ist ein Flächen- und Agrarland. Insgesamt verlaufen auf Landesgebiet über 56.000 km ländliche, nicht klassifizierte Wirtschaftswege. Sie verbinden Orte, landwirtschaftliche Nutzflächen oder lokale und touristische Ziele. Aber auch wertvolle Biotope und Schutzgebiete werden über diese Strukturen verbunden, wenn nicht der Wegrain selbst von einem hohen naturschutzfachlichen Wert ist. Zu großen Teilen befindet sich dieses Wegenetz im Besitz der öffentlichen Hand.

Für die ländlichen Wege sind zwei Herausforderungen zu erkennen:
(1) Das Wegenetz ist vielerorts marode und kostet die Kommunen viel Geld für die Unterhaltung.
(2) Die Wegraine werden teilweise fremdgenutzt und besitzen aufgrund fehlender fachgerechter Pflege kaum Wert für den nachhaltigen Erhalt der biologischen Vielfalt.

Das Projekt „Weg in Niedersachsen““, das von August 2018 bis November 2020 läuft, sucht für beide Probleme eine integrale Lösung. Dafür musste zunächst eine Modellgemeinde definiert werden, die zukünftig als „Leuchtturm“ einer nachhaltigen Wegeinfrastruktur für Niedersachsen erstrahlt. In einem offenen landesweiten Bewerbungsverfahren wurde eine Kommune gesucht, die landwirtschaftlich geprägt ist und mindestens 100 km ländliche Wege aufweist. Mit der Stadt Rehburg-Loccum im Landkreis Nienburg/Weser konnte eine entsprechende Modellregion gefunden werden.

Hier wurde zunächst eine Bestandsaufnahme des gesamten Wegenetzes vorgenommen. Alle Wege wurden befahren, klassifiziert und in ihrem Zustand bewertet, alle 50 m ein Foto gemacht und stichprobenartig der Biotoptyp der Wegeseitenränder dokumentiert. Die Daten wurden mit Luftbildern und den Katasteramtsgrenzen abgeglichen, um mögliche Fremdnutzungen der Wegraine festzustellen. Aus den Daten wurde ein Vorentwurf als Diskussionsgrundlage erarbeitet, der Antworten auf folgende zentrale Fragen gab:
(1) Welche Wege und Brückenbauwerke sind für die Modellgemeinde unverzichtbar und haben eine hohe Priorität?
(2) Welche Wege könnten im Standard gesenkt, nachhaltig ökologisch aufgewertet oder sogar gänzlich aufgegeben werden?
(3) Welche naturschutzfachlichen Maßnahmen lassen sich zugunsten eines nachhaltigen Biotopverbunds entlang der Wege durchführen?

In einem zweistufigen Beteiligungsverfahren wirkt die lokale Bevölkerung auf das Konzept ein. Ein lokales Expertengremium aus Vertreter*innen von Landwirtschaft, Naturschutz, Politik, Verwaltung, Tourismus und Heimatpfleg prüfte den Vorentwurf in mehreren Arbeitssitzungen und passte ihn an lokale Gegebenheiten an. So wird partizipativ aus dem Vorentwurf ein Entwurf für ein nachhaltiges Wirtschaftswege- und Biotopverbundkonzept entwickelt. Über ein Bürgerdialog-Portal wird dieser Entwurf der Bevölkerung der Modellregion online zur Verfügung gestellt. Über eine Kommentarfunktion können Änderungswünsche, Anregungen und Fragen an die Bearbeiter übermittelt werden.

Ziel ist es, das Wegenetz so zu strukturieren, dass zukünftig die Unterhaltung der Wege für die Kommune kostengünstiger wird. Dies wird möglich, indem mittel- bzw. langfristig der Ausbaustandart für bestimmte Wege gesenkt wird, bspw. durch die Entsiegelung von einer asphaltierten hin zu einer wassergebundenen Tragschicht. Gleichzeitig können Wege identifiziert werden, die für die Erschließung aller Flurstücke nicht zwingend benötigt und ggf. geschlossen werden können. Dadurch würden Flächen für nachhaltige Naturschutz-Maßnahmen frei. Zudem werden die Wege bestimmt, deren Wegraine für den Biotopverbund und den Erhalt der biologischen Vielfalt eine besondere Rolle spielen. Gründe dafür können ihre Lage als Verbindungsachsen von wertvollen Biotopen oder eine aus naturschutzfachlicher Sicht wertvolle Strukturierung der Wegraine sein.

Über verschiedene Maßnahme sollen weitere wertvolle Wegraine geschaffen werden. Geplant sind:
- Ökologische Aufwertung des Wegrains zur nachhaltigen Erhöhung des Blühpotenzials durch Erweiterung der Fläche (Quantitative Aufwertung), Abschieben des Oberbodens (Aushagerung, Aktivierung des Samenpotentials), Einsaat von RegioSaatgut oder eine Mahdgutübertragung;
- Anlage von Alleen oder Baumreihen;
- Anlage von Hecken;
- Anlage von Bracheflächen mit Selbstbegrünung;
- Aufwertung von Heckenstrukturen;
- Anlage von Gewässerrandstreifen.
In das Wirtschaftswege- und Biotopverbundkonzept wird ein Pflegekonzept integriert, wodurch eine nachhaltige, flächendeckende ökologische Pflege der Wegraine ermöglicht werden kann.

Durch Informationsveranstaltungen und die Beteiligung der lokalen Bevölkerung wird für den Erhalt der biologischen Vielfalt sensibilisiert und Akzeptanz für nachhaltige Naturschutz-Maßnahmen geschaffen. Als Leuchtturmprojekt, das auch von der Landesregierung wahrgenommen und unterstützt wird, ergibt sich eine Vorbildfunktion und nachhaltige Strahlkraft in die verschiedenen Landesteile Niedersachsens.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Zahlreiche Fachpublikationen berichten von einem dramatischen Rückgang der Biodiversität sowie der Biomasse der Insektenfauna. Als eine wesentliche Ursache wird die Industrialisierung bzw. Intensivierung der Landwirtschaft seit den 1960er-Jahren gesehen. Durch den Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und die Homogenisierung der Landschaft kommt es zu diesen hohen Biodiversitätsverlusten.

Doch sind in Mitteleuropa zahlreiche artenreiche Offenlandlebensräume der Kulturlandschaft erst durch die Landwirtschaft entstanden. Die ständige Bewirtschaftung und nachhaltige Nutzung traditioneller Agrarökosysteme ist eine wichtige Stellschraube für den Erhalt der hiesigen Artenvielfalt. In diesem Zusammenhang ist W i N zu sehen, das sich darum bemüht, die Strukturvielfalt in der Normallandschaft quantitativ und qualitativ zu erhöhen. Dies geschieht in einer Modellregion durch eine flächendeckende Revitalisierung der Wegraine. Wegraine habe eine hohe Bedeutung für den Naturschutz: Auf Wegrainen wachsen potenziell viele verschiedene Gräser und Blütenpflanzen. Diese bieten Nahrung und Lebensraum für eine Vielzahl von Tierarten – insbesondere Insekten. Auch als Überwinterungsversteck sind Wegraine extrem wichtig, da viele Insekten an oder in Pflanzenstängeln oder Grasnestern überwintern. Wegraine können zudem als Teile eines Biotopverbundsystems angesehen werden, denn sie gewährleisten und verbessern den genetischen Austausch zerstreut liegender Lebensräume vieler Tier- und Pflanzenarten.

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