Sonderwettbewerb Soziale Natur

Inseln des Lebendigen

Der gemeinnützige Verein „Institut für Theologische Zoologie“ (ITZ e.V.) eröffnet durch die Begegnung mit zwei großen Poitou-Eseln und Einblicken in den Organismus eines Bienenstocks am Haus Mariengrund in Münster unmittelbare Erfahrungen mit Tieren. Das ITZ möchte auf diese Weise zu einem neuen Blickwinkel und zu mehr Wertschätzung gegenüber dem Tier generell beitragen; denn die intensive Erfahrung mit einem (bis dato fremden) Tier kann auf andere (fremde) Lebewesen transferiert werden. Die Vermittlung erfolgt über Gruppenarbeit, sodass soziale Komponenten wie die Gruppenerfahrung und das gemeinsame Tun eine große Rolle spielen.

Die Theologische Zoologie versteht sich als Bildungsprojekt für eine theologische und kulturelle Würdigung der Tiere als Mitgeschöpfe. Sie thematisiert nicht nur ethische Fragen des verantwortungsvollen Umgangs des Menschen mit Tieren und der Schöpfung als Ganzes, sondern zeigt, dass die so genannte Um-Welt eine gleichberechtigte Mit-Welt ist, die es gilt zu schützen und zu bewahren. Mit dem Anliegen, am ITZ-Standort Haus Mariengrund Erfahrungsräume in der Natur, "Inseln des Lebendigen" zu schaffen, kommen hier seit 2017 unterschiedliche Menschen ehrenamtlich zusammen, um sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt zu engagieren.

Freddy und Fridolin, die beiden Esel am ITZ, begegnen Menschen vorurteilsfrei und zugewandt. In einer Begegnung auf Augenhöhe erleben wir, dass sie uns ganz nahe sind und zugleich ganz fremd. Das ITZ ist davon überzeugt, dass Tiere allein durch ihr „Sein“ hervorragende Lehrmeister*innen sind und uns helfen, menschlicher zu werden. Sie sind „Guardians of Being“ (Wächter*innen des Seins, Eckhart Tolle) und „Co-Therapeuten“. Auf der Grundlage des Lehrbuchs von Prof.‘in Marion Menke, Guido Huck und ITZ Leiter Dr. Rainer Hagencord „Mensch und Tier im Team" (2018) finden am ITZ-Standort Haus Mariengrund in Münster Lehrveranstaltungen u. a. für Studierende der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik statt, in denen die Grundlagen für eine tiergestützte Arbeit gelegt werden.

Nach sieben Jahren akademischer Lehrtätigkeit zu einer theologischen Würdigung der biologischen Vielfalt wurde klar, dass die Studierenden reale Begegnungen mit Tieren und der Natur brauchen. So kamen 2017 die beiden Esel zum ITZ. Die Tiere ermöglichen seitdem Gästen vom Haus Mariengrund, Seniorenheimbewohner*innen, der ansässigen Kita, Spaziergänger*innen oder Studierenden unabhängig von Alter, Bildung und Gesundheit zu jeder Tageszeit kosten- und barrierefrei in der Natur anzukommen. Die Begegnung mit den Eseln erzeugt eine emotionale Betroffenheit: „Hier kommen meine Gedanken zur Ruhe.“ „Bei Freddy und Fridolin fühle ich mich richtig, so wie ich bin.“

Aus der exemplarischen Erfahrung mit einem Tier ergibt sich eine dreifache Chance für den Erhalt der biologischen Vielfalt:
1. Menschen erleben ein (fremdes) Tier als fühlendes Wesen mit einer ausgeprägten Persönlichkeit und einem Eigenwert und fragen sich, wie sie mit diesem Gegenüber umgehen wollen (ethische Dimension).
2. Menschen machen die Erfahrung, dass sie mit einem Tier in eine vorurteilsfreie, vertrauensvolle Beziehung treten können, da das Tier immer es selbst ist und sich nicht verstellt. Aus einer individuellen Verbundenheit erwächst ein stärkeres Naturbewusstsein und eine Handlungskompetenz für den Erhalt der biologischen Vielfalt (partnerschaftliche Dimension).
3. Die Jahrtausende alte Mensch-Tier-Natur-Beziehung wird auch in den Heiligen Schriften in Bildern und Metaphern beschrieben: Die Tiere sind z. B. in der Schöpfungsgeschichte die Zuerst-Gesegneten, sie sind in der Geschichte der Arche Noah gleichberechtigte Bündnispartner und für viele Propheten, so auch für Jesus, Lehrer*innen. Dieses tradierte Verständnis kommt in der gegenwärtigen Geistesgeschichte kaum vor, die den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und als das Maß aller Dinge betrachtet. Die Erfahrung, ein Lebewesen unter Milliarden anderen zu sein, kann ein Schritt zur innerlichen Einkehr und Selbst-Werdung sein (mystische Dimension).

Direkt neben der Eselweide ist ein Bienenstand beheimatet, sodass der Transfer von der Würde eines stattlichen Esels auf Insekten und andere Tiere nahe liegt. Die Schwerpunkte der ITZ-Lehrveranstaltungen liegen in der Auseinandersetzung mit Fragen zu Biodiversität und Artenschutz und deren politischer Dimension. Durch das interdisziplinäre und interreligiöse Dozierenden-Team aus Biologen und Theologen aus Christentum, Judentum und Islam erfahren die Studierenden, in und mit der Natur zu lernen. Das ITZ bietet außerdem Fortbildungsangebote für Pädagog*innen und Katechet*innen an. Darüber hinaus gibt es Familienangebote wie z. B. eine „Auszeit für Familien mit entwicklungsbeeinträchtigten Kindern“.

Am Haus Mariengrund sind „Inseln des Lebendigen“ entstanden: Zunächst lockte der Esel-Misthaufen als eigenes Biotop zahlreiche Singvögel an, so dass auf dem 1 ha großen Gartengelände Nistkästen für Singvögel und Fledermäuse installiert wurden. Die Kiepenkerl-Apotheke Münster legte 2018 einen Heilkräutergarten an, der für die Insektenwelt ein Paradies ist. Von der ehrenamtlichen ITZ Garten-AG wurden auf einem kargen Erdhügel kleine Habitate angelegt. Durch große Totholzstämme, Baumwurzeln und Felsen wurde Lebensraum und Nahrung für viele Kleinstlebewesen geschaffen, dazwischen wurden Grün- und Blühpflanzen gesetzt. Eine Sandfläche soll den sehr selten gewordenen Erdinsekten wie Erdbienen, Sandbienen und Sandwespen sowie Ameisenlöwen Nisthilfen bieten. In Zusammenarbeit mit dem vor Ort beheimateten Natur- und Gartenkindergarten Wurzelkinder e.V. wurden eine Totholzhecke (Benjeshecke) für Insekten und Kleinsäuger angelegt sowie Insektenhotels gebaut; im Bereich der tiergestützten Therapie sollen sogar Hühner auf dem Gelände einziehen. In Zusammenarbeit mit Konrad von der Beeke, Freizeitimker und Hobby-Naturfotograf, entwickelte sich ein Impulspfad mit Wissenstafeln zur faszinierenden Welt der Bienen sowie weiteren Schautafeln mit ökologischen und poetischen Impulsen für den Erhalt der biologischen Vielfalt: "Ein Weg zur Artenvielfalt".

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Unsere Zeit ist reif, die Ebenbürtigkeit der Tiere auch theologisch zu würdigen. Daher erarbeitet das ITZ ergänzend zur theologischen Anthropologie eine theologische Zoologie. Schwerpunkt ist, das Wissen der drei monotheistischen Weltreligionen zum Mensch-Tier-Natur-Verhältnis sichtbar zu machen. Die interreligiösen Erkenntnisse werden ergänzt durch Forschungsergebnisse der Verhaltens- und Evolutionsbiologie, die zeigen, dass die Grenzen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren fließend sind. Die gesamte Forschung deutet darauf hin, dass unser anthropozentrisches Weltbild vom Menschen als wichtigstem Geschöpf einem Perspektivwechsel Raum geben muss. Es gilt, alle Tiere, die ganze Schöpfung in ihrer biologischen Vielfalt als unsere Mitgeschöpfe wertzuschätzen und ihren Eigenwert zu erkennen, denn wir sind verwandt mit allem, was lebt. Immer mehr Erfahrungsräume zu schaffen, lokale Archen, in denen das Bewusstsein für diesen Gesamtzusammenhang angebahnt, vertieft und reflektiert werden kann, ist ein zentrales Ziel des ITZ.

Kooperationspartner*innen: WWU Münster (Arbeitsstelle Forschungstransfer, Landschaftsökologie), Kath. Hochschule für Soziale Arbeit und Heilpädagogik Münster, Institut für systemische und tiergestützte Therapie, Jugendhilfezentrum Raphaelshaus, Biodidaktik der Uni Bonn, Allwetterzoo, NABU-Münster, Lehmdorf in Steinfurt u.a.

Besondere Förder*innen: Haus Mariengrund, Musella-Stiftung für eine sozial-ökologische Zukunft, Freiburg, u.a.

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Besuchen Sie uns

Institut für Theologische Zoologie am Haus Mariengrund (Bildungs-, Tagungs- und Gästehaus)

Nünningweg 133
48161 Münster

Öffnungszeiten: täglich bei Tageslicht

Herr Dr Rainer Hagencord
Tel.:0251-5301696
info@theologische-zoologie.de
http://www.theologische-zoologie.de

 

Weitere Infos

Institut für Theologische Zoologie e. V.
Münster

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