Sonderwettbewerb Soziale Natur

Der Botanische Garten Würzburg: ein Ort der biologischen Vielfalt für alle

Der Botanische Garten der Universität Würzburg steht mit seinen 9000 Pflanzenarten für Vielfalt. Entsprechend divers sind die Aufgaben: Lehre, Forschung, Öffentlichkeitsbildung, Arterhaltung, aber auch Erholung. Die Zielgruppen reichen von WissenschaftlerInnen und Studierenden über Erwachsenengruppen und Schulklassen bis zu erholungssuchenden Familien.
Seit 10 Jahren werden im Projekt „LehrLernGarten“ (LLG) in interdisziplinären Lehrveranstaltungen inklusive Konzepte entwickelt und umgesetzt, um allen interessierten Menschen, auch Menschen mit Behinderungen, die Vielfalt und deren Bedeutung zugänglich zu machen. Eine von Studierenden entwickelte Smartphone- oder Tablet-App gibt blinden und sehbehinderten Menschen Orientierung und macht bei einem Audiorundgang die Vielfalt erlebbar. Tastmodelle machen zusätzliche Informationen verfügbar –auch für sehende Besucher.
Der LLG ist primär an angehende Lehrkräfte und Pädagogen gerichtet. Die zukünftigen Multiplikatoren lernen in der Praxis Biodiversität und deren Bedeutung kennen. Insofern sehen wir es als wichtige Aufgabe an, Bildung für Nachhaltige Entwicklung – übergeordnetes Lernziel aller Lehrpläne – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in der universitären Ausbildung zu verankern. Inklusive Lösungen werden durch Kooperationen mit der Sonderpädagogik, Museologie und der Psychologischen Ergonomie entwickelt.

Ziel ist es, den Botanischen Garten –noch mehr als bislang– zum Ort der biologischen Vielfalt für alle zu machen.

Der Botanische Garten in Würzburg ist eine universitäre Forschungs- und Bildungseinrichtung. Die umfangreichen dokumentierten Pflanzensammlungen aus aller Welt, die gärtnerische Expertise und die wissenschaftliche und didaktische Betreuung machen ihn zu einem Ort der Biologischen Vielfalt. Diese Vielfalt ermöglicht es, in unterschiedlichen Aufgabenbereichen tätig zu sein: Lehre und Forschung, Artenschutz, allgemeine Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung – aber auch, um als Ort der Erholung und Faszination zu dienen. Entsprechend divers sind die Zielgruppen: WissenschaftlerInnen, Studierende, Lehrkräfte mit Schulklassen und die interessierte Öffentlichkeit. Etwa 40000 Besucher nutzen jährlich den Garten und sein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit Führungen, Ausstellungen, Vorträgen und Workshops. Intensiv wird der Garten von Schulklassen aller Schultypen und Altersstufen als außerschulischer Lernort genutzt (Aktionsprogramme, Lehrerfortbildungen).

Aber ist der Botanische Garten Würzburg mit seiner großen Vielfalt für alle interessierten Menschen verfügbar und erlebbar? Leider nicht. Insbesondere für Menschen mit Behinderungen ist er noch nicht vollständig barrierefrei. In dieser Projektskizze werden Bestrebungen und Ideen des Botanischen Gartens vorgestellt, allen Besuchern mit und ohne körperlichen und/oder kognitiven Einschränkungen die Artenvielfalt und Biodiversität zugänglich zu machen und ihnen deren Bedeutung näher zu bringen.
Seit 2010 existiert das Projekt „LehrLernGarten“ (LLG). Darin erhalten Studierende im Rahmen von fächerübergreifenden Lehrveranstaltungen Praxiserfahrung in der Wissensvermittlung. Durch die Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Fachrichtungen gehen die behandelten Themen weit über die Botanik hinaus. Intensiv engagiert sich der LLG im Bereich Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Hierbei ist der Transfer der Theorie aus Seminaren und Vorlesungen in die Praxis das Hauptziel des Projekts. Im Rahmen der Lehrveranstaltungen haben die Studierenden eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Mitbestimmung, zum Arbeiten mit ihren späteren Zielgruppen und zur Schulung der eigenen Gestaltungs- und Bewertungskompetenz im Sinne einer BNE. Die Veranstaltungen im Bereich „Globales Lernen und BNE“ (z.B. Schokowerkstatt; T-Shirt, Tee & Tank; Klimawandel & ich) werden aufgrund ihrer Aktualität von den Studierenden gut besucht.

Einzigartig sind die mit den Museologen der Universität Würzburg angebotenen Veranstaltungen zum Thema Biodiversität und Inklusion. Dabei werden die besonderen Bedürfnisse von körperlich, sinnes- und kognitiv beeinträchtigten Menschen berücksichtigt. In den vergangenen zwei Jahren standen blinde und sehbeeinträchtigte Menschen im Fokus, um ihnen die Vielfalt erlebbar zu machen. Etwa 30 Studierende entwickelten Konzepte zur inklusiven Gartengestaltung. Museologen, angehende LehrerInnen und Studierende des Fachs Mensch-Computer-Systeme arbeiteten Hand in Hand, recherchierten, erhoben Bedürfnisse sehbeeinträchtigter Projektpartner für eine Verbesserung der Orientierung im Garten sowie zur Vermittlung von Inhalten. Die Ergebnisse sind bereits in der Erprobungsphase für die Besucher verfügbar. Die Prototypen sind sehr vielversprechend.

Ein Ergebnis ist z.B. die Smartphone- oder Tablet-App „Gartenfreund“, die Besuchern mit Einschränkungen im Sehen Orientierung gibt und einen Audiorundgang im Tropenschauhaus ermöglicht: An einer Station bietet eine explorierbare Soundkulisse Tiergeräusche aus den verschiedenen Schichten eines Regenwalds. Tastmodelle machen Pflanzen wie Ölpalme oder Kakaobaum im Detail begreifbar.
Küchenkräuter für alle zugänglich und mit allen Sinnen erfahrbar macht ein Riechbeet mit Informationen in Braille- und Pyramidenschrift sowie vertiefenden Audiotexten.

Angeleitet wurden die LLG-Studierenden von Simone Doll-Gerstendörfer, Lehrbeauftragte für inklusive Kulturvermittlung in der Museologie, in Zusammenarbeit mit Stephan Huber von der Psychologischen Ergonomie. Entsprechend der Maßgabe „Nichts über uns ohne uns“ wurden zwei VertreterInnen des Blinden- und Sehbehindertenbundes eingebunden, um ihre Erfahrungen mitzuteilen sowie die Ergebnisse zu prüfen.
Die Lehrveranstaltungen sind eine win-win-Situation für den Garten und die Studierenden: Der Garten profitiert von den inklusiven Konzepten und Materialien, die den Besuchern zur Verfügung gestellt werden. Die Studierenden wiederum lernen in der Praxis, wie solche Projekte geplant und umgesetzt werden. Inklusion ist in öffentlichen Einrichtungen wie z.B. Museen ein wichtiges Thema und damit ideale Berufsvorbereitung für Lehramtsstudierende, Sonderpädagogen, angehende Umweltbildner und Museologen. Oft ist die Arbeit im Botanischen Garten für viele Studierende die erste Auseinandersetzung mit dem Thema Biodiversität und deren Bedeutung.

Es gibt noch viel zu tun auf dem Weg zum Garten für alle. Der Botanische Garten Würzburg arbeitet intensiv und erfolgreich daran.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Der Botanische Garten mit seinen Sammlungen (ca. 9.000 Arten) im Freiland oder in Gewächshäusern steht per se für biologische Vielfalt. Einige Arten sind Teil von ex-situ Erhaltungsmaßnahmen, um bedrohte Populationen am Naturstandort zu unterstützen. Nachhaltigkeit in der Kultur ist uns dabei sehr wichtig.

Neben der gärtnerischen Bereitstellung der Vielfalt ist vor allem die Bildungsarbeit von zentraler Wichtigkeit. Unser Ziel ist es, den interessierten Besuchern aller Altersstufen und Fähigkeiten die existenzielle Bedeutung von Biodiversität näherzubringen.
Im Bereich der Umweltbildung richten sich die zielgruppenabhängigen Veranstaltungen primär auf die Vermittlung von Artenkenntnis und ökologischer Zusammenhänge. Durch Vernetzung mit Partnern aus Wissenschaft und Umweltbildung werden aber auch aktuelle Themen behandelt, die weit über die Botanik hinausreichen.

BNE steht besonders im Fokus. Dr. Kerstin Bissinger, seit 2016 Koordinatorin des LLGs, ist ausgebildete Multiplikatorin für Biodiversitätsbildung. Dabei liegt ihr Fokus neben der Vermittlung von Wissen auf der Förderung von nachhaltigkeitsrelevanten Einstellungen und Verhaltensweisen sowie der Gestaltungs-und Bewertungskompetenz im Sinne einer BNE. Inhaltlich ist es uns wichtig alle TeilnehmerInnen der LLG Veranstaltungen für Biodiversität zu begeistern, für globale Herausforderungen zu sensibilisieren und ihnen konkrete realistische Handlungsoptionen an die Hand zu geben. Inklusion wird dabei immer zentraler.


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Besuchen Sie uns

Botanischer Garten der Universität Würzburg

Julius-von-Sachs-Platz 4
97082 Würzburg

Öffnungszeiten: täglich geöffnet; April-September: 8-18 Uhr; Oktober -März: 8-16 Uhr

Herr Dr Gerd Vogg
bgw@botanik.uni-wuerzburg.de
http://www.bgw.uni-wuerzburg.de

 

Weitere Infos

Prof. Dr. Markus Riederer, Dr. Kerstin Bissinger, Dr. Gerd Vogg: Botanischer Garten/LehrLernGarten; Simone Doll-Gerstendörfer: Lehrbeauftrage für Museologie; Stephan Huber: Lehrstuhl für Psychologische Ergonomie; Helmut Kirsch: Sonderpädagogik II
Würzburg

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