ÖkoKult

Historisch gewachsene Kulturlandschaften beherbergen eine große Anzahl an seltenen, heute zunehmend gefährdeten Tier- und Pflanzenarten. Für das Tiefland charakteristisch sind nährstoffarme Lebensräume, in denen sich Wälder, Offenlandschaften oder extensive Äcker verzahnen. Neben der rechtlichen Verpflichtung, solche Landschaften und die für sie bezeichnenden Habitate zu schützen, erbringen diese eine Vielzahl wichtiger Ökosystemleistungen (z.B. Grundwasserneubildung) und bieten auf der Raumebene vergleichsweise persistente Heimaten, die einen hohen Freizeit- und Erholungswert haben und ein für Europa besonders wertvolles kulturelles Erbe darstellen.
Im Rahmen des interdisziplinären Projektes werden die von diesen Kulturlandschaften erbrachten Ökosystemleistungen im Zusammenhang mit der für sie typischen Biodiversität untersucht sowie adaptive, den Gefährdungsfaktoren Rechnung tragende Management- und Restitutionsverfahren in enger Kooperation zwischen Umsetzungs- und Forschungspartnern aktiv entwickelt. Diese werden auf ihre Finanzierbarkeit, ihre planungsrechtliche Umsetzbarkeit, ihre Übertragbarkeit auf andere Regionen bewertet. Einerseits sollen somit die von diesen Kulturlandschaften erbrachten Ökosystemleistungen, andererseits aber ihre typische Biodiversität langfristig erhalten werden. Die Erfassung immaterieller Landschaftswerte und deren Wertschätzung soll dazu beitragen die adaptiven Managementverfahren auf gesellschaftlicher Ebene zu legitimieren.

Seit einigen Jahrzehnten gehen nährstoffarmen Lebensräume mit ihren spezifischen biologischen Vielfalt in unseren Kulturlandschaften kontinuierlich zurück und werden zum Teil in den Anhängen der FFH-Richtlinie oder Roten Listen gefährdeter Biotope geführt. In den norddeutschen Geestlandschaften stellen Heiden, artenreiche Magerrasen, nährstoffarme Äcker sowie halboffene Lebensräume, insbesondere im Übergang zwischen Offenland- und Waldhabitaten, solche bedrohten Lebensräume dar, die gleichermaßen für den Erhalt von biologischer Vielfalt und aus landschaftsästhetischen Gründen für Erholung und Tourismus wichtig sind. Als wesentliche Gefährdungsursachen sind Klimawandel, Nährstoffanreicherung durch luftbürtige Stickstoffeinträgen und Lebensraumverlust bzw. Fragmentierung zu nennen. Mit fortschreitender Eutrophierung bzw. Verlust der Lebensräume durch Landnutzungswandel nehmen auch die Ökosystemdienstleistungen in Art und Umfang ab.
Das aktuelle Fehlen von effektiven Managementkonzepten und alternativen Methoden der Finanzierung extensiver Landnutzungsformen unter den Bedingungen des globalen Wandels stellt für die Sicherung der hier skizzierten Lebensräume ein ernsthaftes Problem dar. Mehrheitlich läuft die Finanzierung von Maßnahmen in diesem Bereich über staatliche Förderungen, welche aber nicht ausreichend für die Zielerreichung sind. Dringend werden daher weitere Finanzierungsmöglichkeiten benötigt bzw. müssen vorhandene in der Praxis etabliert werden.
Um dieser Problematik entgegenzuwirken, versucht das Projekt erstmalig, am Beispiel der betrachteten Lebensräume und anhand einer Auswahl typischer Ökosystemdienstleistungen (kulturelle Identität, sozio-ökonomische Bedeutung, Wohlfahrtswirkung) aufzuzeigen, welche Möglichkeiten ihrer langfristigen Sicherung mittels heute bekannter wie auch neu zu entwickelnder (d.h. optimierter) Pflege- und Managementverfahren bestehen und wie diese rechtlich abzusichern und zu finanzieren sind. Analysiert wird u.a., wie sich Ökosystemdienstleistungen in charakteristischen Lebensräumen der Kulturlandschaft Lüneburger Heide in Folge von konventionellen wie auch neuen und bislang nicht erprobten Verfahren zur Heidepflege (Spitzenmahd, Entfernung der Moosschicht) verändern. Dabei ist von besonderem Interesse, ob bezüglich der angewandten Verfahren Zielkonflikte bestehen. Eine solche Zielkonflikt-Diskussion ist in Bezug auf eine Bewertung und Umsetzung konkreter Pflegeverfahren zwingend notwendig, wurde in bisherigen Projekten aber nur wenig oder gar nicht berücksichtigt.
Neben dem Schwerpunkt des Projektes in dem Bereich „Sicherung von Ökosystemdienstleistungen“, umfassen die Arbeiten jedoch auch die langfristige Erhaltung nährstoffarmer Kulturlandschaften mit ihrer charakteristischen Biodiversität. Für die hochgradig bedrohten Ackerwildkräuter werden in ähnlicher Weise neue Techniken zum Transfer von Samen auf restituierte, nährstoffarme und extensiv genutzte Ackerflächen angewandt. Auf diesen Flächen wurden stark gefährdete Ackerwildarten aus regionalen Vorkommen durch Oberbodentransfer ausgebracht. Ziel ist es die biologische Vielfalt zu erhöhen und Verfahren für eine erfolgreiche und praktisch handhabbare Restitution zu entwickeln, um daraus neue Schutzstrategien für gefährdete Ackerwildarten ableiten zu können.
Auch die Restitution von artenreichem Sandmagerrasen ist im Projekt von Bedeutung, da es im Gebiet zahlreiche Ackerflächen gibt, die vor ca. 60 Jahren aus der klassischen Heidebauernwirtschaft genommen worden sind. Auf diesen „Dauergrünlandflächen“ fand bislang eine extensive Beweidung statt. Ihr Beitrag für die Artenartenvielfalt gilt allerdings als relativ gering. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte die abnehmende Verfügbarkeit von Nährstoffe, v.a. Basen, durch die fehlende Einbettung in die traditionelle Dreeschwirtschaft sein. Daher wird überprüft werden, ob durch die zeitlich limitierte Wiederaktivierung dieser Ackerflächen als Dreesch-Äcker und eine anschließende Beimpfung mit Mahdgut von artenreichen Spenderflächen die Aufwertung dieser Flächen zu ortstypischen, artenreichen Sandmagerrasen gelingen kann.
Halboffene Lebensräume – oft bedingt durch extensive Beweidung – nahmen in historischer Zeit große Flächen ein, verschwanden in den letzten beiden Jahrhunderten jedoch weitgehend aus den Landschaften Norddeutschlands. Dies führte auch zu einem deutlichen Rückgang von Arten, die solche mosaikartigen Verzahnungen zwischen Offen-land-Lebensräumen und Wald benötigen. Durch gezielte Entnahme von Bäumen insbesondere in den Randlagen von Wäldern wurden deshalb weiche Offenland-Wald-Übergänge wiederhergestellt. Eine längerfristige Sicherung dieser für den Naturschutz wichtigen Lebensräume soll durch Holznutzung, aber auch Beweidung erreicht werden. Dabei wird auch einbezogen, inwieweit neue Finanzierungselemente - ohne staatlichen Anteil - in Form des Instrumentes der produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahmen in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen können.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Das Projekt versucht, in Zeiten globaler Umweltveränderungen neue Wege und Verfahren zu finden, die einzigartige biologische Vielfalt alter Kulturlandschaften langfristig zu sichern. Als besonders innovativ ist dabei der holistische Ansatz, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in praktisches Handeln umgesetzt werden. In enger Kooperation zwischen Forschungs- und Praxispartnern werden adaptive Pflegemaßen zum Erhalt von ökologisch hochwertigen Heide-, Wald-, Magerrasen- und Ackerflächen entwickelt und vom Umsetzungspartner dauerhaft implementiert. Im Gegensatz zu einem passiven Ansatz werden die zu erprobenden Maßnahmen dabei in Experimenten ökologisch, planerisch, rechtlich und sozio-ökonomisch ausgewertet. Darauf aufbauend erfolgt eine Analyse der entwickelten Ansätze im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Umweltschutzgüter sowie den günstigen Erhaltungszustand, von Wert-gebenden Elementen des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000. Weiterhin erfolgt eine Prüfung und Operationalisierung im Hinblick auf die fachliche Eignung der Ansätze zur Sicherung und Verbesserung des Erhaltungszustandes lokaler Populationen geschützter Arten, zur Kohärenzsicherung von Natura 2000 und zum Biotopverbund. Langfristig soll damit gewährleitet werden, dass die Erkenntnisse aus diesem „Leuchtturmprojekt“ dazu beitragen können, die biologische Vielfalt in Zeiten globaler Umweltveränderungen auch in anderen Regionen langfristig zu sichern.


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