Wo Rothirsche die Landschaft pflegen; Offenlandmanagement auf dem TÜP Grafenwöhr

Naturnahe Offenlandlebensräume zu erhalten, ist eine große Herausforderung für den Naturschutz. Als Landschaftspfleger haben sich extensiv gehaltene Nutztiere wie Rinder oder Schafe bewährt, können aber aufgrund der erforderlichen Einzäunung und Betreuung nicht überall eingesetzt werden. Dass auch wildlebende große Pflanzenfresser durch Beweidung zum Erhalt von ökologisch wertvollen Offenlandschaften beitragen können, verdeutlicht das Projekt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Aufgrund eines langfristigen, zielgerichteten Wildtiermanagements nutzt der dortige Rothirschbestand intensiv das vorhandene Offenland. Mit Hilfe von Vegetationserhebungen, Feldexperimenten, Telemetrie und Fernerkundung konnte gezeigt werden, dass die Rothirschbeweidung maßgeblichen Einfluss auf Vegetationsentwicklung und Biodiversität der Lebensräume hat und gleichzeitig steuerbar ist. Insbesondere für große, unzugängliche Gebiete kann eine Beweidung mit wildlebenden Rothirschen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt naturnaher Offenlandschaften leisten.

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr liegt im Nordosten von Bayern. Das 23.000 ha große und seit mehr als einem Jahrhundert bestehende Übungsgelände wird von den U.S.-Streitkräften genutzt. Rund 85% der Fläche sind als FFH-Gebiet ausgewiesen, mehr als ein Drittel besteht aus Offenland. Das militärische intensiv genutzte Gelände weist eine enorme Vielfalt an Lebensräumen auf. Von den FFH-Offenlandlebensraumtypen sind flächenmäßig „Magere Flachlandmähwiesen“ (6510) und „Trockene europäische Heiden“ (4030) von besonderer Bedeutung. Die Mähwiesen im Westteil des Platzes sind im Schnitt mit 46 Arten auf 25 m2 sehr artenreich. Auf den Heideflächen im Ostteil des Platzes sind Rote-Liste-Arten wie u. a. Arnika (Arnica montana) oder Zarter Augentrost (Euphrasia micrantha) weit verbreitet. Aber auch die Fauna, insbesondere viele Insektenarten wie z.B. die Rotflügelige Schnarrschrecke (Psophus stridulus), ist auf die nachhaltige Offenhaltung ihrer Lebensräume angewiesen. Das Wildtiermanagement des Bundesforstbetriebs ist darauf ausgerichtet, den Rothirschbestand in den offenlandgeprägten Kernbereichen des Truppenübungsplatzes zu konzentrieren. Die Jagd beschränkt sich dort auf nur wenige Tage im Jahr. Da das Offenland zudem attraktive Nahrung bietet, wird es intensiv von Rothirschen genutzt– auch tagsüber. Seit 2014 wird in einem fünfjährigen Projekt überprüft, welchen Beitrag freilebende Rothirschvorkommen zum Erhalt ökologisch wertvoller Offenlandlebensräume leisten können. Gleichzeitig werden praktische Hinweise für die Einbindung von Rothirschen als heimische Pflanzenfresser in die Landschaftspflege großer Schutzgebiete mit wertvollen Offenlandlebensraumtypen entwickelt.
Veranlassung:
Extensiv genutzte offene und halboffene Landschaften, die lange Zeit prägende Elemente der mitteleuropäischen Kulturlandschaft waren, sind aufgrund von landwirtschaftlicher Intensivierung oder Nutzungsaufgabe selten geworden. Der Erhalt solcher Lebensräume mit ihren charakteristischen Artengemeinschaften und Ökosystemdienstleistungen ist daher eine zentrale Herausforderung für den Naturschutz. Ein erwiesenermaßen zielführendes Instrument zur Offenlandschaftspflegeist die extensive Beweidung mit robusten Nutztierrassen. Insbesondere auf sehr großen Flächen kann dies jedoch aufwändig und kostenintensiv sein. Auf Truppenübungsplätzen erschweren Munitionsbelastung und Übungsbetrieb die Umsetzung. Inwieweit freilebende heimische Pflanzenfresser einen Beitrag zur Offenhaltung der Landschaft leisten können ist jedoch – erstaunlicherweise – weitgehend unklar.
Ergebnisse / Umsetzung:
Neben umfassenden Vegetationsaufnahmen – insbesondere in den FFH-Lebensraumtypen „Magere Flachlandmähwiesen“ und „Trockene europäische Heiden“ – wurden 44 Rothirsche mit GPS-Sendehalsbändern ausgestattet. Biomassedynamik und Vegetationsentwicklung auf den Heide- und Wiesenflächen zeigen, dass unterschiedliche Offenlandlebensraumtypen von der Beweidung durch Rothirsche stark profitieren können. Gleichzeitig haben Produktivität und Nahrungsqualität der Offenlandvegetation starken Einfluss auf die Beweidungsintensität. Lebensraumnutzung und Fraßeinwirkung der Rothirsche können daher neben dem Wildtiermanagement auch durch das Ressourcenangebot effektiv gesteuert werden. Die Ergebnisse fließen direkt in die Geländebetreuung durch den Bundesforstbetrieb Grafenwöhr ein und bieten eine solide Basis zur weiteren Umsetzung des Konzeptes „Rothirschbeweidung“. Ergebnisse und Praxisbeispiel liefern so einen beispielgebenden Modellfall zur konzeptionellen Einbindung von Wildtieren in das Management großer Naturschutzflächen.
Die Forschungsergebnisse wurden zum Teil bereits in internationalen Fachzeitschriften (z. B. International Journal of Remote Sensing, Journal of Applied Ecology, Plant Ecology & Diversity) publiziert und auf nationalen (z. B. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtierstiftung, Deutscher Naturschutztag) und internationalen Tagungen (z. B. European Space Agency’s Living Planet Symposium, European Grassland Federation General Meeting) vorgestellt. Weitere Veröffentlichungen wissenschaftlicher Fachartikel und Tagungsbeiträge sowie ein ausführlicher Projektbericht sind in Vorbereitung. Exkursionen im Projektgebiet können nur auf Anfrage beim Bundesforstbetrieb Grafenwöhr durchgeführt werden.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Bei einem anhaltenden Rückgang der Biodiversität in der Agrarlandschaft bieten naturnahe Offenlandlebensräume einen Rückzugsraum für zahlreiche gefährdete Arten. Mehr als ein Drittel aller FFH-Lebensraumtypen in Deutschland sind auf extensive Nutzung oder Pflege angewiesen. Bisherige Pflegekonzepte stoßen insbesondere auf großen Naturschutzflächen und auf ehemals oder aktuell noch genutzten Militärübungsplätzen an ihre Grenzen. Die Kombination von wissenschaftlich fundierten Belegen und dem Anwendungsbeispiel Grafenwöhr zeigt, dass wildlebende Rothirsche einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt bedrohter Offenlandlebensräume leisten können.


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Herr Funktionsbereich Naturschutz

 

Weitere Infos

Institut für Wildbiologie Göttingen und Dresden e. V.; Georg-August-Universität Göttingen; Technische Universität Dresden; Bundesforstbetrieb Grafenwöhr; US-Army; Landwirtschaftliche Rentenbank
Vilseck

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