Sonderwettbewerb Soziale Natur

"Nix wie raus!"

Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim, Eingangsbereich, Dienstag, 13:15 Uhr: Acht Jungs im Alter zwischen 10 und 13 Jahren stehen im Kreis zusammen, reißen gleichzeitig die zur Mitte gestreckten Arme nach oben und rufen „Nix wie raus!“. Anschließend verlassen sie zusammen mit dem Schulsozialarbeiter und einem Praktikanten die „Komfortzone“ Ganztagsschule und gehen zu Fuß in den Wald, an einen Fluss oder auf eine Wiese, um neue Erfahrungen mit der Natur und miteinander zu machen.

Bewusste, „sinn-volle“, offene Wahrnehmung und Präsenz (Achtsamkeit) einerseits, als auch kreativ-gestaltende Tätigkeiten (Flow) andererseits, führen die Jungs immer wieder ins „Hier und Jetzt“. Dadurch erleben sie intensive und unbeschwerte Momente mit sich, den anderen und dem nicht-menschlichem Leben um sie herum. Dies führt immer wieder dazu, dass selbst akute Konflikte, Sorgen, Probleme und Belastungen in Schule, Familie und Freundeskreis in den Hintergrund treten und zumindest für die Zeit des Draußen-Seins „ruhen“.

Im „Da-Sein“, „Dabei-Sein“, „Bei-sich-Sein“ und manchmal auch „Außer-sich-Sein“ erleben sich die Jungs als lebendig, aktiv, kreativ, entspannt, zufrieden, konzentriert, sozial und ökologisch verantwortlich, herausgefordert, handlungsfähig (auch im Umgang mit Risiken) und nicht zuletzt als Teil der Natur – mit Wachstum und Veränderung.

Seit dem Schuljahr 2013/14 gibt es die Jungsgruppe „Nix wie raus!“, die jeden Dienstagnachmittag bei fast jedem Wetter für zwei Stunden außerhalb der Schule unterwegs ist. 6 bis 8 Schüler (davon mindestens ein Junge mit Migrationserfahrung) der Klassenstufen 5 und 6 können auf freiwilliger Basis – aber dann verbindlich – für ein Schulhalbjahr, oder wenn sie das möchten, für ein ganzes Schuljahr daran teilnehmen.

Schulsozialarbeiter Thomas Haug (Diakonisches Werk im Landkreis Lörrach) und ein Assistent (Schüler der 8. oder 9. Klasse bzw. ein Praktikant) leiten die Gruppe und wecken als „tätige Vorbilder“ das Interesse und die Motivation zum aktiven Mitmachen.

Der Name „Nix wie raus!“ ist Programm. So wandert die Gruppe in die nähere Umgebung und hält sich an unterschiedlichen Orten auf, um gemeinsam neue Erfahrungen zu machen – außerhalb geschlossener Räumlichkeiten, in der Natur, mit der Natur.
Dazu gehören die Erkundung bisher unbekannter oder nicht wahrgenommener Plätze, vertiefte Naturerfahrungen mit allen Sinnen, Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsübungen, Gestaltung mit Naturmaterialien, Naturkunst (Landart) und Hand-Werk, Vertrauensübungen, Teamspiele, Kooperationsaufgaben und manchmal auch Bogenschießen, Bumerang werfen, Drachen steigen lassen oder auf der Slackline balancieren.
Was genau gemacht wird und wo der jeweilige Schwerpunkt liegt, orientiert sich immer an den jahreszeitlichen und witterungsbedingten Gegebenheiten, am Gruppenprozess und – soweit möglich – an den Wünschen und Ideen der Jungs. Folglich gibt es neben vorgegebenen, angeleiteten Spielen, Übungen und Aufgaben auch Phasen, in denen die Jungs nach ihren jeweiligen Interessen frei, selbstbestimmt und eigenverantwortlich erkunden, spielen, experimentieren, gestalten, toben und auch ruhen können.
Die natürliche Umgebung ist bei all dem nicht nur „netter“ Hintergrund oder Rahmen, sondern steht im Mittelpunkt. Die Jungs erleben biologische Vielfalt unmittelbar, spielerisch und mit verschiedenen Sinnen. Im „Spiegel“ der anderen und im „Spiegel“ der Natur mit ihrem stetigen Wandel sehen sie sich selbst immer wieder neu. Sie teilen diese vertieften Naturerfahrungen mit den anderen Jungs, sprechen über das, was sie mit ihren Sinnen im „Hier und Jetzt“ wahrnehmen und lernen, sich gegenseitig zuzuhören. Pflanzen, Tiere, Steine, Lebensräume, Elemente, Wetter, Jahreszeiten und manchmal auch Leben und Sterben sind wiederkehrende Gesprächsthemen zwischen den Jungs – auch und gerade auf den Wegen von der Schule und zur Schule zurück.

Ein eindrückliches Beispiel war die spontane Beerdigung eines toten Vogels (Star), den ein Junge in der selbst gebauten Asthütte der Gruppe gefunden hatte. Der dadurch entstandene Austausch zwischen den Jungs war sehr bewegt und bewegend: Ist der Vogel wirklich tot? Wie kann man sich da sicher sein? Warum ist er gestorben? Warum gerade in unserer Hütte? Darf man den anfassen? Wir müssen den beerdigen! Wo? Am Fuß des Baumes! Wie tief muss das Grab sein? Legen wir ihm etwas ins Grab? Soll ein Kreuz auf das Grab? Blumen? Grabstein? Wie sieht eigentlich ein muslimisches Grab aus? Was passiert mit toten Vögeln? Wird zu Erde! Vogelhimmel! Wiedergeburt! Seelenwanderung! Wie heißt dieser Vogel überhaupt?

Orientiert am „Coyote Mentoring/Teaching“ werden aufkommende Fragen der Jungs (z.B. nach dem Namen einer bestimmten Pflanze) nicht einfach erklärend oder belehrend beantwortet. Vielmehr werden Gegenfragen gestellt (z.B. nach bestimmten Merkmalen und Eigenschaften der Pflanze), die die Jungs anregen, genauer wahrzunehmen, nachzudenken, selbst zu entdecken und zu erforschen, sich mit den anderen darüber auszutauschen und gegebenenfalls in Bestimmungsbüchern nachzuschlagen. So können sie ihre eigenen Antworten, aber auch neue Fragen finden. Auf diese Weise bleiben die Jungs neugierig, beteiligt, aktiv und motiviert. So wird lebendiges, vernetztes, vertieftes und nachhaltiges Erleben und Lernen ermöglicht.

Bei den Achtsamkeitsübungen in der Natur (nach Huppertz und Schatanek) ist es insbesondere die Absichtslosigkeit, die den Jungs gut tut. Sie dürfen einfach wahrnehmen, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, ohne etwas erreichen zu müssen, ohne etwas leisten zu müssen, ohne „besser“ sein zu müssen.

Eine Dokumentation mit Fotos der bisherigen „Nix wie raus!“-Gruppen ist auf der Internetseite der Schule zu finden. Beim letzten Tag der offenen Tür der Friedrich-Ebert-Schule gaben einige der Jungs mit Fotos, Naturgegenständen und Wahrnehmungsangeboten zum Mitmachen lebendige Einblicke in die vielfältigen Gruppenerfahrungen.

„Nix wie raus!“ ist ein fest etablierter Bestandteil der Schulsozialarbeit an der Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim. Die Schulsozialarbeit wird von der Stadt Schopfheim, dem Landkreis Lörrach und dem Land Baden-Württemberg finanziert. Anstellungsträger ist das Diakonische Werk im Landkreis Lörrach.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Die Gruppenzusammensetzung ist von großer Vielfalt geprägt, was gut zur biologischen Vielfalt passt, in der sich die Gruppe bewegt. Die Jungs kennen sich zu Beginn teilweise nur vom Sehen, kommen aus verschiedenen Klassen, haben ihre ganz eigenen „familienkulturellen Welten“ und bringen eigene Stärken, Schwächen, Interessen, Vorerfahrungen und Belastungen mit. Fast alle haben einen ausgeprägten bis kritischen Medienkonsum. Einige sind noch „naturnah“, andere eher „naturfern“. Gerade bei diesen Jungs, die sich zu Beginn mit der Natur noch sehr unwohl oder sogar unsicher fühlen, werden die Berührungsängste (z.B. auch gegenüber Insekten) weniger.

Trotz wachsender Sicherheit und Vertrautheit in und mit der Natur bleibt diese aufgrund ihrer Vielfalt jedoch auch immer überraschend, geheimnisvoll, aufregend, widerständig, herausfordernd und anregend. Naturräume sind voll von Symbolen und Metaphern, die die Jungs in ihrer Unterschiedlichkeit ansprechen und bewegen. Da finden sich Bilder für Werden und Vergehen, für Geburt, Entwicklung, Wachstum, Veränderung, Wandel, Übergang, Gesundheit, Krankheit, Genesung, Sterben, Tod, neues Leben, Fülle, Grenzen, Mangel, Kraft, Stärke, Energie, Aufbruch, Bedrohung, Kampf, Zerstörung, Schwäche, Schutz, Geborgenheit, Abhängigkeit, Freiheit, Langsamkeit, Warten, Ruhe, Zusammenhang, Beziehung, Wechselwirkung, Kreislauf, Vernetzung…

Die Natur als unstrukturierter und vielfältiger Erfahrungs- und Resonanzraum ist unersetzlich für die Gruppe.


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Dokumente

Projektdokumentation mit ausgewählten Fotos aus verschiedenen ´Nix wie raus!´-Gruppen

 

Besuchen Sie uns

Friedrich-Ebert-Schule

Roggenbachstr. 11
79650 Schopfheim

Öffnungszeiten: In den baden-württembergischen Schulwochen in der Regel dienstags zwischen 13:15 und 15:15 Uhr. Besuchsmöglichkeiten bitte unbedingt rechtzeitig vorher anfragen!

Herr Thomas Haug
Tel.:07622-673336
thomas.haug@diakonie.ekiba.de
http://www.fes.loe.schule-bw.de/schulsozialarbeit/

 

Weitere Infos

Thomas Haug, Schulsozialarbeiter (Diakonisches Werk im Landkreis Lörrach) an der Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim
Schopfheim

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