Wilde Weiden Taubergießen

In den Oberrheinauen wirkte über Jahrtausende die gestalterische Kraft von Wasser, Tier und wirtschaftendem Menschen. Sie brachte eine große Vielfalt an sich stetig verändernden Lebensräumen hervor. Daher zählte diese Region zu den artenreichsten Landschaften Mitteleuropas. Durch den Oberrheinausbau wurde diese Dynamik weitreichend gebannt. Die Renaissance begann im Jahr 2007 mit dem Großprojekt „Revitalisierung Taubergießen“: Die landschaftsgestalterische Kraft der Rheinhochwässer konnte wieder in die Rheinauen zurück geholt werden. Alte Gewannnamen wie Sau- und Rappenkopf, Gänsweid und Kälberschollen zeugen davon, dass auch Weidetiere einst kraftvolle Gestalter der Rheinaue waren. Nun weiden wieder urige Rinder und Pferde das ganze Jahr über auf 70 Hektar Wald und 30 Hektar Weiden. Ziel dieser Wilden Weiden ist es, das dynamische Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume zu ermöglichen. So wird auch zukünftig dank der Kraft des Wassers und der großen Weidetiere die Lebensvielfalt gefördert.

Große Pflanzenfresser
Im April 2015 wurden auf gemeindeeigenen Wiesen im NSG Taubergießen (Altaue des Mittleren Oberrheins) 24 Salers-Rinder aufgetrieben, 11 Mutterkühe mit ihren Kälbern und ein Bulle. Es war der offizielle Start für das Projekt Wilde Weiden Taubergießen, ein für das Oberrheingebiet einmaliges und neuartiges Projekt. Ein Jahr später folgten zwei Konik-Stuten mit Fohlen. Jetzt fressen weit über dreißig dieser urtümlich anmutenden Rinder zusammen mit sechs Pferden in ganzjähriger Freilandhaltung für den Naturschutz. Bislang wurde auf diesen Flächen ausschließlich gemäht oder gar Mais angepflanzt. Durch den hohen Waldanteil sind die Wilden Weiden überwiegend wilde Waldweiden.

Tierische Landschaftsgestaltung schafft biologische Vielfalt
Ziel ist, über die naturnächste, nachhaltigste und älteste aller Landschaftspflegemaßnahmen, die großflächige und ganzjährige Beweidung von Offenland und Wald mit großen Pflanzenfressern die biologische Vielfalt in der Rheinaue zu sichern und zu erhöhen. Die Tiere erschaffen ein Mosaik verschiedener Biotope und gestalten ihren Lebensraum selbst.

Fressen für den Naturschutz
Offenland: Zwar waren die vormals nur gemähten Streuwiesen, Fettwiesen und Halbtrockenrasen bereits naturschutzfachlich wertvoll, doch die Beweidung schafft weitere neue Lebensräume wie Trittstellen, Wasserlöcher, Uferabbrüche, höherer Strukturreichtum durch Auflichtung der Hecken und des Auewaldes. Sie tragen zur Arten-Diversifizierung in der Fauna bei. Unter den Vögeln konnten neu Neuntöter, Wendehals, Gartenrotschwanz und der anspruchsvolle Wiedehopf nachgewiesen werden. Unter den Insekten hat vor allem die Dungfauna profitiert.

Waldweide: Nach aktueller Auslegung des Landeswaldgesetzes Baden-Württemberg ist im Wald bis heute Waldweide untersagt. Die Höhere Forstbehörde hat mit Zustimmung der Gemeinde (Waldbesitzer) den bereits aus der Nutzung genommenen Auewald als „Schonwald“ nach Landeswaldgesetz Baden-Württemberg §32 (3) ausgewiesen. Erst der Schonwald-Status „Lichter Wald Kappel-Grafenhausen“ ermöglicht die Waldweide und somit dessen naturschutzfachliche Aufwertung. Dunkle und strukturarme Auewälder werden lichter, struktur- und artenreicher (Mittelwald).
Seit dem Weideauftrieb werden Veränderungen durch die Beweidung in Wald und Offenland durch ein naturschutzfachliches Monitoring dokumentiert.

Wirkung in der Öffentlichkeit:
Die Wilden Weiden Taubergießen werden von der örtlichen Bevölkerung mit Begeisterung begleitet und sind überregionaler Anziehungspunkt für Fachleute, Naturfreunde, Vertreter aus der Politik und für Laien geworden, nicht zuletzt durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Angestoßen durch das Projekt finden in unregelmäßigen Abständen sehr gut frequentierte öffentliche Vortragsabende in Kappel-Grafenhausen statt, wo Experten über die Bedeutung von ganzjähriger Beweidung für die Erhaltung der biologischen Vielfalt durch Beweidung referieren. In 2017 gründete sich der Verein zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V. u.a. aus diesem Projekt. Das Projekt hat Vorreiter- und Vorbildfunktion gewonnen, strahlt jetzt schon weit aus und animiert zur Nachahmung (Anfragen zu Exkursionen, Information zu Beweidung, Durchführung von Forschungsarbeiten).

Kooperation und Konsens vieler Partner
Um das Projekt in Bewegung zu bringen, war von Anfang an eine übergreifende beharrliche Kooperation und Koordination von Behörden, Institutionen und betroffenen Personen notwendig: Voran die Gemeinde Kappel-Grafenhausen mit ihrem Bürgermeister Jochen Paleit, dem Ideen-Geber des Projekts. Ihm zur Seite stehen: Der Landschaftserhaltungsverband Ortenaukreis (LEV), das Regierungspräsidium Freiburg, Abt. Umwelt und Abt. Forst, Forstliche Versuchsanstalt Freiburg, Hochschule Rottenburg, Amt für Landwirtschaft, Amt für Veterinärwesen, Amt für Waldwirtschaft im Landratsamt Ortenaukreis, Integriertes Rheinprogramm, Bewirtschafter, Jäger und Fischer. Gemeinsam stehen sie mit der örtlichen Bevölkerung hinter dem Projekt. Eine ständige Arbeitsgruppe begleitet das Projekt zur Nachjustierung bei immer wieder neu auftretenden Herausforderungen. Der „Verein Wilde Waldweiden e.V.“, in 2019 gegründet, unterstützt bei praktischer Biotoppflege.

Es gibt noch viel zu tun, denn...
… nicht nur die Weidelandschaft unterliegt der Dynamik sondern das Projekt selbst. So ist Ziel, für überzählige Tiere die stressfreie Schlachtung zu ermöglichen. Die Fleischvermarktung muss kontinuierlich ausgebaut werden. Ein Weideunterstand ist aus Tierwohlgründen von den Behörden gefordert und muss finanziert und gebaut werden.

Fazit
Die Wilden Weiden Taubergießen sind ein außergewöhnliches Beispiel für das gelungene Zusammenspiel von Personen aus Naturschutz, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Politik, alle gewillt, sich einzusetzen für dynamischen Naturschutz durch Beweidung und für die Vision eine beweidete Naturlandschaft in unserer Kulturlandschaft wieder erstehen zu lassen.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Auf rund einhundert Hektar Weideland gestalten große Herbivoren ihren Lebensraum. Sie haben für Veränderung gesorgt und tragen durch ihre Weidedynamik bei zur Erhöhung der biologischen Vielfalt. Neue ökologische Nischen sind entstanden, die alten hingegen nicht ganz verschwunden. Die ganzjährige Präsenz der Weidetiere einschließlich ihrem für die Insektenfauna so wichtigen Dung schließt den Nährstoffkreislauf an Ort und Stelle.


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Dokumente

Mit dieser Tafel wird Vorort über das Projekt informiert.Quelle: Gemeinde Kappel-Grafenhausen

Presseresonanz zu Projektbeginn

Die Pferde sind eingetroffen

Markenschutz für ´Wilde Weiden Taubergießen´

Kurier 22.11.17 Wilde Weiden Taubergießen sind weiter auf Erfolgskurs.pdf

2018_06_26_Innovationspreis für ein altes System_LZ.pdf

 

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Tel.:07822 86310
jochen.paleit@kappel-grafenhausen.de
http://www.kappel-grafenhausen.com

 

Weitere Infos

Gemeinde Kappel-Grafenhausen mit Bürgermeister Jochen Paleit, Landschaftserhaltungsverband Ortenaukreis e.V.
Kappel-Grafenhausen

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