Förderung der Artenvielfalt und des Angelns an Baggerseen durch gute Hegepraxis

BAGGERSEE ist ein Verbundprojekt aus Fischereiwissenschaft, Biologie, Ökonomie sowie Anglerinnen und Anglern. Durch die Umsetzung einer guten fachlichen Praxis in der Angelfischerei sollen die generelle biologische Vielfalt sowie die Ökosystemleistungen kleiner Baggerseen (vor allem die Naherholung, inkl. Angeln) gefördert und miteinander in Einklang gebracht werden. Das Umsetzungsprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung untersucht und bewertet den ökologischen sowie den sozialen Wert von Baggerseen. Es vergleicht den etablierten Fischbesatz mit anderen auf die Aufwertung der Lebensräume ausgerichtete Hegemaßnahmen, wie Einbringung von Totholz und Schaffung von Flachwasserzonen. Die Maßnahmen werden in einer Vielzahl von Baggerseen praktisch umgesetzt und wissenschaftlich in einem Vorher Nachher-Vergleichsansatz über einen Zeitraum von sechs Jahren biologisch und sozioökonomisch evaluiert. Die Projektergebnisse sollen einen Beitrag zur Nationalen Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung liefern.

Das Verbundprojekt startete am 1. Juni 2016 und wird vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) koordiniert. Projketpartner sind die Technische Universität Berlin und der Anglerverband Niedersachsen e.V. (AVN). Insgesamt sind 20 Angelvereine des AVN an dem Projekt beteiligt. Des Weiteren nehmen zwei Privatpersonen und die Stiftung Naturschutz im Landkreis Rotenburg (Wümme) am Projekt teil. Gefördert wird BAGGERSEE über sechs Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit im Bundesprogramm Biologische Vielfalt. Es trägt zur Forschung für Nachhaltige Entwicklungen (FONA) bei: www.fona.de (Förderkennzeichen: 01LC1320A).

Warum Forschung an Baggerseen?
Kleine Wasserkörper unter 50 ha Wasserfläche fallen nicht unter die Europäische Wasserrahmenrichtlinie. Daher ist über ihre ökologische Bedeutung wenig bekannt. In Form von Baggerseen machen diese in Niedersachsen aber einen Großteil der Gewässerfläche aus. Deutschlandweit gibt es mindestens 20.000 Baggerseen. Die meisten werden intensiv zur Naherholung und zum Angeln genutzt und werden von Angelvereinen fischereilich bewirtschaftet.

Warum der Fokus auf die Angelfischerei?
Das Angeln ist die gesellschaftlich und wirtschaftlich wichtigste Nutzungsform von wildlebenden Fischbeständen in allen Industrienationen. Angler sind nicht nur Nutzer, sondern gesetzlich legitimierte Heger und Gestalter von Gewässern. Die Hege und Pflege der Fischbestände und Gewässer, das fischereiliche Management, wird in Deutschland von ca. 10.000 Angelvereinen und -verbänden organisiert. Angler können über die Wahl von Fangregulierungen, Fischbesatz oder die Gestaltung der Lebensräume entscheidend auf die Fischbestände, die Gewässerstruktur und die sonstige gewässergebundene biologische Vielfalt einwirken. Traditionell stellt Fischbesatz die wichtigste Hegemaßnahmen dar. Das ist in vielen Fällen sinnvoll, weil viele Gewässer Defizite in der Qualität der Lebensräume aufweisen, was sich negativ auf die Reproduktion von heimischen Fischarten auswirkt. Folglich gehören Süßwasserfische zu den weltweit am stärksten bedrohten Wirbeltieren. In Deutschland ist mehr als die Hälfte aller heimischen Fischarten gefährdet.

Fischbesatz kann in gestörten Gewässern eine Artenschutzmaßnahme für Fische sein, aber die Vielfalt anderer Bestandteile der gewässergebundenen Lebensgemeinschaften wie Wasservögel, Libellen oder Amphibien wird eher nicht gefördert. Deswegen wird im Projekt untersucht, wie und ob durch die Aufwertung von Ufern von Baggerseen die gesamte biologische Vielfalt gefördert werden kann. Konkret untersucht BAGGERSEE, wie die fischereiliche Hege im Sinne der Harmonisierung von fischereilicher Gewässernutzung und Förderung der Biodiversität und der Erholungsqualität von Baggerseen als wichtige Ökosystemdienstleistung der Natur optimiert werden kann.

Mehr biologische Vielfalt durch Flachwasserzonen?
In vielen Baggerseen ist die Uferzone steil und strukturarm, so dass dort kaum Wasserpflanzen wachsen, die vielen Lebewesen Schutz und eine Nahrungsgrundlage bieten. Durch bauliche Maßnahmen können steile Ufer in flachauslaufende Zonen gewandelt werden, die von Pflanzen besiedelt werden. Dafür wird entweder Sand/Lehm am dem Ufer abgetragen, so dass dieser flacher verläuft oder es wird Sand/Kies eingetragen, um einen flacheren Verlauf zu schaffen. Das Schaffen von Flachwasserzonen ist eine lebensraumverbessernde Maßnahme, die vielen Süßwasserfischen, Amphibien und Libellen die Eiablage ermöglicht und dadurch zur Förderung des Fischbestands und der Gesamtartenvielfalt beitragen kann.

Lebensraumverbesserung mit Hilfe von Totholz?
Totholz fördert die Vernetzung mit der Uferzone und verbindet so die Land- und Gewässerlebensräume. Das Einbringen von Totholz schafft neue Lebensräume für viele Arten. Jungfische finden hier Nahrung und Schutz vor ihren Feinden. Totholz bietet zudem einen geeigneten Lebensraum und die Lebensgrundlage für viele Kleinlebewesen. Libellenlarven, Amphibien, Vögel und andere Tiere finden im holzbesetzten Uferbereich Nahrung und Unterschlupf. Um Totholz in einen Baggersee einzubringen, werden entweder Bäume in Ufernähe so gefällt, dass sie in den See fallen, oder es wird überschüssiges Holz an einem anderen Ort gebündelt, zum See transportiert und dort versenkt.

Darüber hinaus werden vier Gewässer mit einem Mischbesatz versehen. Weitere je vier bewirtschaftete und unbewirtschaftete Baggerseen fungieren als Kontrollen. Zusätzlich werden in weiteren elf Gewässern das Arteninventar in Abhängigkeit der Gewässernutzung und der Gewässerausstattung erhoben, um Leitbilder für die biologische Vielfalt an künstlichen Abgrabungsgewässern für die Hege und die Bewirtschaftung zu entwickeln.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Für ein nachhaltiges Fischereimanagement an Seen ist das Prinzip der sogenannten „guten fachlichen Praxis“ gemäß Bundesnaturschutzgesetz sowie die an dem Leitbild der Nachhaltigkeit orientierte Hegeverpflichtung gemäß den Fischereigesetzen der Bundesländer bindend. Entsprechend den Landesfischereigesetzen sind Fischereiberechtigte zur Erhaltung, Förderung und Hege eines heimischen Fischbestandes in naturnaher Artenvielfalt verpflichtet. Das schließt auch den Erhalt und die Förderung funktionaler Lebensräume und der über die Fische hinausgehenden Biodiversität (Vögel, Libellen, Wirbellose usw.) ein. BAGGERSEE will im Verbund und enger Partnerschaft mit lokalen Angelvereinen und dem AVN in Niedersachsen die konsequente Umsetzung der guten fachliche Praxis in der angelfischereilichen Bewirtschaftung von kleinen Baggerseen vorantreiben und damit sowohl die biologische Vielfalt als auch die Qualität der Gewässer für die Naherholung als Ökosystemdienstleistung fördern.


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Dokumente

Projektflyer für einen ersten Einstieg in das Projekt, die Umsetzung und den Projektzielen.

 

Weitere Infos

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e.V.; Anglerverband Niedersachsen e.V. (AVN); Technische Universität Berlin (TU)

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