Sonderwettbewerb Soziale Natur

Waldpädagogik wirkt heilend bei psychisch erkrankten Kindern.

Die biologische Vielfalt entfaltet sich in der Psychiatrie. Psychisch erkrankte Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren nehmen seit über 3 Jahren an der Waldpädagogik in der psychiatrischen Klinik teil. Es sind durchgehend positive Veränderungen zu beobachten. Motorisch unruhige Kinder mit diagnostiziertem ADHS zeigen Verlangsamung und können sich besser konzentrieren, depressiv gestimmte Kinder entwickeln Eigeninitiative. Kinder mit aggressivem Verhalten zeigen mehr Kooperation und akzeptieren leichter die Regeln. Die Natur ist ein idealer Aufenthaltsort für gestresste Kinder, der innere Ruhe, Kreativität und besonders viel Spaß ermöglicht.

Das Angebot der Waldpädagogik findet in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marl statt. Die Kliniklage im Waldgebiet der Haard im nördlichen Ruhrgebiet ist wegen der biologischen Vielfalt ideal. Vor drei Jahren haben wir nach der Weiterbildung zu Waldpädagogen durch die Umweltakademie NRW das waldpädagogische Angebot für unsere Patienten fest installiert.
An der Waldpädagogik nehmen 5 bis 7 Kinder im Alter zw. 6 und 13 Jahren geleitet von zwei Waldpädagogen - Fachtherapeut plus eine Person vom Pflegepersonal - teil. Hinzu kommen Eltern und evtl. Geschwister eines der Kinder mit dem Ziel die familiäre Interaktion zu stärken und die Naturaktionen zu Hause fortzuführen. Das Angebot findet wöchentlich freitags nach dem Schulbesuch und den Therapiestunden in der Zeit 14:00 bis ca.16:30 Uhr bei fast jedem Wetter statt. Nach der Klärung der Naturerfahrung und Absprache von Verhaltensregeln im Wald starten wir los.
Anfangs ist der Wald ist für die meisten unserer Patienten ein fremder, langweiliger, manchmal beängstigender Raum, der aber auch geheimnisvoll ist und Neugier weckt. Bei wiederholter Teilnahme fühlen sich die Kinder zunehmend sicherer, entdecken ihre Ressourcen und erfahren Selbstwirksamkeit. Die biologische Vielfalt eröffnet den Kindern unzählige Wahrnehmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten Mit einfachen Mitteln spielen, weckt die Fantasie, mit vorhandenen Materialien etwas z.B. ein Naturbild zu gestalten, belebt die Kreativität. Der Bau einer Waldhütte gelingt nur gemeinsam und stärkt soziale Kompetenzen und das Wir-Gefühl. Frustrationstoleranz und Geduld müssen gezeigt werden, nicht bloß besprochen. Schaffen es die Kinder in der Naturzeit - ohne Ablenkungsreize der Medien und frei vom schulischen Leistungsdruck – sich auf die Naturwahrnehmung einzulassen, so begegnen sie nicht nur der biologischen Vielfalt um sie herum, sondern auch sich selbst. Gelingt es mit Unterstützung der Waldpädagogen die Flucht vor sich selbst, vor unangenehmen Gefühlen und Enttäuschungen der Vergangenheit, anzuhalten, so sinkt das Misstrauen und die Kinder öffnen sich zunehmend. Kontaktaufbau und problembezogene Gespräche gelingen im lockeren Naturmilieu z.B. beim Schnitzen leichter und oft spontaner als im Therapiezimmer. Themen wie Veränderung, Entwicklung, Verletzung oder Tod begegnen uns in der Natur symbolisch und real z.B. an Bäumen, Dornen, Vogelfedern und werden bearbeitet.
Die Natur ist ein idealer Therapieraum mit angenehmer Atmosphäre ohne Überstimulierung. Auf jedem Quadratmeter des Waldes ist Leben und biologische Vielfalt erkennbar. Überall warten Überraschungen - in der Eichel wohnt eine Ameisenfamilie, der Kleiber läuft auf dem Baum kopfrunter, Brennnesselsamen sind lecker… Gerade dieser Aspekt der Neugier, der Offenheit und der Achtsamkeit der Lebensfülle gegenüber, ist bei emotionalen Erkrankungen verschüttet. Das emotionale Empfinden der erkrankten Kinder ist oft abgeflacht, eingeschränkt bzw. verdrängt. Die Wahrnehmung von Farben, Gerüchen, Geräuschen, Temperaturen, Tast-, und Bewegungsimpulsen weckt Gefühle und ermöglicht es im geschützten Rahmen der Waldpädagogik korrigierende emotionale Erfahrungen zu machen. Motorisch unruhige Kinder mit diagnostiziertem ADHS zeigen Verlangsamung, depressiv gestimmte Kinder entwickeln Eigeninitiative. Der Lebensrhythmus des Waldes ist für die menschliche Psyche gesünder als der gehetzte Tagesablauf mit unzähligen unverarbeiteten Wahrnehmungsreizen. Innere Ruhe und Entspannungsfähigkeit der gestressten Kinder nehmen in der beruhigenden Duft- und Geräuschkulisse mit Blätterrauschen und Vogelgezwitscher zu.
Die Veränderung des Familienlebens ist oft notwendig, damit die positiven Erfahrungen in der Waldpädagogik sich weiter entwickeln. Bei sehr belasteter Eltern-Kind-Beziehung werden gemeinsame Aktionen selten als positiv erlebt. Wir versuchen den Eltern während ihrer Besuche in der Waldpädagogik, die Naturvorteile praktisch zu verdeutlichen und sie zu motivieren mit ihren Familien regelmäßig in der Naturumgebung achtsam zu verweilen. Kinder lernen bes. in fremden Situationen durch Nachahmung. Wenden sich die Eltern auch den kleinen "Dingen" z.B. den Käfern am Wegrand interessiert zu und halten an oder eilen sie weiter? Zweck- und leistungsfreie schöne Zeit miteinander zu erleben, das stärkt die Beziehungen zueinander und erhöht das Wohlbefinden aller, auch der gestressten Kindeseltern. Ein Park, ein Bach oder eine Brache sind leicht zu finden und der Familienaufenthalt in der Naturumgebung stärkt die Gesundheit und verbessert die sozialen Kontakte. Die Naturerfahrungen unserer Patienten können Früchte tragen.
Wir werden künftig mehrere waldpädagogische Gruppen für Kinder, aber auch Jugendliche und ihre Familien anbieten. Die therapeutische Wirkung der Waldpädagogik wollen wir auch anderen Kliniken und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche verstärkt bekannt machen. "Therapie ist Pädagogik mit anderen Mitteln.", stellte einmal Sigmund Freud fest.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Die Naturumgebung der Klinik wird für die psychische Genesung der erkrankten Kinder im waldpädagogischen Dauerangebot als Lern-, Spiel-, Ruhe-, Bewegungs-, Gestaltungs- und Sozialraum aktiv genutzt. Die Teilnehmer kommen zumeist aus den Städten des Ruhrgebiets, oft aus sozialen Brennpunkten, haben familiäre und schulische Belastungen erlebt und haben wenig Naturerfahrungen. Kindern aus dem nahen Osten oder aus Afrika erscheint der Wald fremd und beängstigend. Die biologische Vielfalt vor der eigenen Tür zu erkennen und wert zu schätzen, das stärkt den inneren Halt und fördert die Resilienz der heranwachsenden Kinder. Die Vielfalt der Natur zusammen zu entdecken, die Begegnungen mit Eichelhäher und Goldlaufkäfer, barfuß gehen, auf dem Moos liegen, Bocksklee und Birkenwasser schmecken.... Die Gruppe macht gemeinsame Erfahrung, dass jeder in Verbindung zur Umwelt steht. Die Kinder wollen die biologische Vielfalt wahrnehmen und spüren. Auch im digitalen Zeitalter lassen sich die Kinder in die Natur herauslocken. Wir begleiten in der Waldpädagogik die erkrankten Kinder möglichst zusammen mit ihren Familien, denn die biologische Vielfalt muß Anziehungskraft entfalten, die Familien von TV, PC und PS weg, hin zu den natürlichen Abenteuern führt. Grüne Orte wirken erholsam, erleichtern die Kontaktaufnahme zum Anderen und zu sich selbst. Die biologische Vielfalt zu erhalten und sie auszubauen, eine elementare Zukunftsaufgabe, die ein ausgeprägtes Naturbewusstsein der Kinder benötigt.


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Dokumente

Hier werden der theoretische Hintergrund und die praktische Durchführung der Waldpädagogik in der Klinik anhand von Texten und Bildern vorgestellt.

Kurze Vorstellung der Waldpädagogik im Klinikmagazin.

Motorisch unruhige Kinder mit der ADHS Diagnose zeigen positive Entwicklung im waldpädagogischen Angebot.

Die Vorstellung der Waldpädagogik für die Öffentlichkeit im Rahmen der Veranstaltungsreihe HAARD DIALOG.

Zeitungartikel im Lokalkompass Waldpädagogik und unruhige KInder

Zeitungsartikel Halterner Zeitung, Waldpädagogik und unruhige Kinder

 

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LWL-Klinik Marl-Sinsen

Halterner Straße 525
45770 Marl-Sinsen

Öffnungszeiten: montags bis freitags 8:00 bis 16:00

Herr Konrad Staschenuk
Tel.:02365/8026120
konrad.staschenuk@lwl.org
http://www.jugendpsychiatrie-marl.de

 

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