Naturschutz und Denkmalpflege auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee

Auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee wurde im Rahmen eines interdisziplinären Projekts der Deutschen Bundesstiftung Umwelt die biologische Vielfalt erforscht. Das Projekt wurde von der Technischen Universität Berlin geleitet und durch die Jüdische Gemeinde zu Berlin unterstützt. Die erhobenen Daten unterstreichen die große Bedeutung des Friedhofs für die Biodiversität in der Stadt. Es wurden Ziele für die künftige Pflege des Friedhofs entwickelt, die die Aspekte des Natur- und Artenschutzes, der Denkmalpflege und der Verkehrssicherheit berücksichtigen. In einem praktischen Teil wurden Maßnahmen an der Grabmalsubstanz und an der Vegetation beispielhaft erprobt.

Der Jüdische Friedhof Weißensee ist ein Ort des Erinnerns und gleichzeitig ein herausragendes Kulturdenkmal. Darüber hinaus stellt er einen Lebensraum mit hoher biologischer Vielfalt dar. Der Friedhof wurde von dem ehemaligen Leipziger Stadtbaurat Hugo Licht entworfen und im Jahr 1880 eröffnet. Auf 136 Grabfeldern wurden dort bis heute über 116.000 Menschen bestattet und mit 42 ha ist er einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas. Er ist als Gartendenkmal und als Nationales Kulturdenkmal geschützt.

Der Jüdische Friedhof Weißensee blieb vor den Zerstörungen der Nazis weitgehend verschont. Die Folgen der Shoah führten jedoch dazu, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg eine angemessene Pflege nicht aufrechterhalten konnte, was einen starken Gehölzaufwuchs auf der Fläche zur Folge hatte. Heute charakterisieren lockere bis dichte Friedhofswälder das Vegetationsbild. Teile des Friedhofes wurden komplett sich selbst überlassen und bilden heute eine undurchdringliche Wildnis mit einer hohen biologischen Vielfalt. Dies stellt besondere Anforderungen an die Berücksichtigung der Interessen unterschiedlicher betroffener Akteure: Für die Jüdische Gemeinde steht die Erhaltung und Pflege als Bestattungs- und Erinnerungsort im Vordergrund, die Denkmalpflege ist der Erhaltung des überregional bedeutsamen Garten- und Kulturdenkmals verpflichtet und der Naturschutz setzt sich für die Bewahrung der vorhandenen biologischen Vielfalt ein.

Mit dem Ziel, die biologische Vielfalt des Friedhofs zu erforschen und diese in die Anstrengungen zur Bewahrung und Entwicklung zu integrieren, wurde an der TU Berlin ein von der DBU gefördertes Forschungsvorhaben bearbeitet. In diesem Projekt wurde der Bestand an Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten, Vögeln, Fledermäusen, Laufkäfern und Spinnentieren untersucht. Da die Pflanzenwelt des Friedhofs durch die jahrzehntelange Nutzung kulturell stark überprägt ist, wurde neben einer flächendeckenden Kartierung der Gehölze auch die Bedeutung bestimmter Arten als Teile des Gartendenkmals oder als Kulturrelikte (z. B. Alleebäume, Grabgehölze, krautige Zierpflanzen) herausgearbeitet. So konnte durch die Auswertung historischer Pflegeakten gezeigt werden, dass ein bedeutender Anteil der originalen Gehölzpflanzungen noch erhalten ist. Auch die historischen Veränderungen des Alleebaumbestands wurden dokumentiert. Weiterhin wurden für die Biodiversität wertvolle Strukturen wie Höhlen und Totholz erhoben. Die Daten sind eine wesentliche Grundlage für ein Baumkataster des Friedhofs, mit dessen Hilfe die wachsenden Anforderungen an die Pflege bewältigt werden können.

Die Ergebnisse der Kartierung unterstreichen die große Bedeutung des Friedhofs für die Biodiversität in Berlin. Mit 363 wildwachsenden Gefäßpflanzenarten ist der Friedhof überdurchschnittlich artenreich. Grabsteine aus porösen Materialien sind Wuchsorte für bedeutende Gesteinsflechten und –moose, die bei Restaurierungsarbeiten erhalten werden sollten und darüber hinaus auch eine schützende Funktion für die Grabsteinsubstanz besitzen können. Unter den Brutvögeln stellen v. a. Baum- und Buschbrüter sowie Höhlen- und Nischenbrüter einen bedeutenden Anteil seltener und streng geschützter Arten. Altbäume, dichtes Unterholz und Höhlenbäume sind wichtige Lebensräume für diese Arten, die bei Pflegemaßnahmen erhalten werden sollten. Von Biotopholzstrukturen profitieren auch Fledermäuse, die auf dem Friedhof mit fünf Arten vertreten sind.

In Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde und Akteuren der Denkmalpflege und des Naturschutzes wurde ein Konzept für eine abgestufte, differenzierte Pflege erarbeitet. Hierbei sollte der Friedhof als Ort der Erinnerung und jüdischer Kultur, die herausragende Denkmalsubstanz der Grabmale und Gebäude, die als Gartendenkmal geschützte Gesamtanlage und die Vielfalt der auf dem Friedhof vorkommenden Arten und Lebensgemeinschaften geschützt und erhalten werden. Die vorgeschlagenen Maßnahmen konzentrieren sich auf die Erhaltung bzw. Entwicklung eines Mosaiks naturnaher und parkartiger Gehölzbestände in der Fläche, aber auch auf die Erhaltung von Grabgehölzen, Friedhofsalleen, Friedhofswiesen oder bewachsenen Friedhofsmauern.

In einem praktischen Modul wurden die vorgeschlagenen Maßnahmen beispielhaft erprobt. Auf drei ausgewählten Grabfeldern wurden Maßnahmen an der Vegetation und an der Grabmalsubstanz durchgeführt. Auf einem Grabfeld wurde der vorhandene Gehölzbestand behutsam ausgelichtet, wertvolle Biotopholzstrukturen wurden belassen, sofern sie die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigten. Darüber hinaus wurden bedeutsame Grabgehölze gepflegt und die Standsicherheit der Grabmale verbessert. Bei der Fällung bzw. der Kronenpflege der Bäume kamen dabei spezielle Techniken zur Schonung der Grabmalsubstanz zum Einsatz. Im Ergebnis wurde die Standsicherheit der Gehölze auf einem Grabfeld nachhaltig verbessert, typische Grabgehölze wurden erhalten und ein bedeutsamer Grabsteintyp wurde instand gesetzt.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Friedhöfe sind nicht nur Orte der Kultur und des Erinnerns, sie können auch Orte mit besonderer biologischer Vielfalt darstellen. Gerade der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee zeichnet sich durch seine besondere Entwicklungsgeschichte mit dem Nebeneinander von gepflegten, gegenwärtig noch genutzten Grabfeldern und wildnisartigen Bereichen durch eine besondere biologische Vielfalt aus. Gleichzeitig besitzt der Friedhof als Gartendenkmal eine große kulturelle Bedeutung. In diesem Projekt wurde die biologische Vielfalt unterschiedlicher Gruppen (Moose, Flechten, Gefäßpflanzen, Vögel, Fledermäuse, Spinnentiere, Laufkäfer) des Friedhofs erforscht, um diese bei der Pflege und bei Instandhaltungsarbeiten des Friedhofs besser berücksichtigen zu können.


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Jüdischer Friedhof Weißensee

Herbert-Baum-Str. 45
13088 Berlin

Öffnungszeiten: Sommer: Mo - Do 7:30 bis 17:00, Fr 7:30 bis 14:30, So 8:00 bis 17:00; Winter: Mo - Do 7:30 bis 16:00, Fr 7:30 bis 14:30, So 8:00 bis 16:00

Frau Regina Borgmann

http://www.oekosys.tu-berlin.de/menue/forschung/projekte/integration_von_naturschutzzielen_bei_der_bewahrung_und_entwicklung_des_juedischen_friedhofs_in_berlin_weissensee/

 

Weitere Infos

Jüdische Gemeinde zu Berlin / Technische Universität Berlin, Institut für Ökologie, Fachgebiet Ökosystemkunde / Pflanzenökologie
Berlin

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