Arola, Robuschka, Schmitt... – Sortenentwicklung für die biologische Vielfalt

Viele kennen die Kartoffelsorte Linda und Apfelsorten wie Boskop, Elstar oder Jonagold. Auch jedes Gemüse trägt den Namen einer bestimmten Sorte und weist jeweils sortentypische Merkmale auf. Die Vielfalt ist theoretisch groß, die professionelle Anbaupraxis ist jedoch von wenigen Hauptsorten dominiert, nicht zuletzt durch den Einzug von Hybriden. Die genutzte und genossene Vielfalt schrumpft dramatisch. Die Züchterinnen und Züchter von Kultursaat arbeiten an alternativen Angeboten, nämlich an Erhalt und Weiterentwicklung unserer nachbaufähigen Gemüsesorten.

Sorten sind Kulturgut! Sie entspringen dem Jahrtausende währenden Strom der Kulturpflanzenentwicklung, vergrößern ihn und tragen zu seiner Kontinuität bei. Seit fast 25 Jahren züchten die Gärtnerinnen und Gärtner des Vereins Kultursaat offen blühende, d.h. samenfeste, vermehrungsfähige Gemüsesorten und stellen diese Profianbauern wie Kleingärtnern zur Verfügung. Bislang wurden bereits mehr als 80 Neuzüchtungen vom Bundessortenamt zugelassen und die Sortenentwicklung geht weiter. Kultursaat leistet einen Beitrag zum Erhalt der Vielfalt in unseren Gärten und ist ein Pfeiler zur zukunftsfähigen Ernährungssicherung.


Sorten sind Kulturgut, kein Privateigentum

In den letzten etwa 25 Jahren haben biodynamische Gärtnerinnen und Gärtner des Vereins Kultursaat gut 80 samenfeste Gemüsesorten gezüchtet. Ihr gemeinnütziger Verein meldet stellvertretend die Züchtungen beim Bundessortenamt zur behördlichen Prüfung und Zulassung an. Auf Patente und Lizenzen wird explizit verzichtet, weil die Sorten nicht als Eigentum verstanden werden. Vielmehr geht es um einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Kulturpflanzenvielfalt auf den Äckern, in den Regalen und auf den Tellern. Der Zugang zu Kultursaat-Sorten ist also frei. Jeder Interessierte darf die Sorten weiterentwickeln, nachbauen oder auch das Saatgut vertreiben!


Gezüchtet wird ökologisch

Die Züchtung erfolgt unter zertifiziert ökologischen Bedingungen und gemäß Richtlinien der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise, also nicht im Labor, sondern auf dem Bio-Acker unter freiem Himmel oder im Gewächshaus. Strittige gentechnische Methoden werden selbstverständlich nicht eingesetzt. Diese lebensbejahende Züchtung braucht allerdings auch ihre Zeit. So kann beispielsweise die Entwicklung einer neuen Salatsorte frühestens nach sechs Jahren in die behördliche Prüfung gebracht werden, eine neue Möhrensorte benötigt im Durchschnitt sogar zwölf bis vierzehn Jahre.


Offen blühende Gemüsesorten

Das Gemüse, das wir heutzutage kaufen, stammt meist aus Hybridsaatgut. Anbauer müssen es jedes Jahr zukaufen, da Hybriden beim Nachbau ihre ursprünglichen Sorteneigenschaften verlieren, zum Teil sogar steril sind. Eine gärtnerische Samengewinnung, wie sie jahrhundertelang üblich war, ist nicht mehr möglich. Die Landwirtschaft wird immer abhängiger von immer weniger multinationalen Konzernen, die oft in den Bereichen Agrochemie, Agrogentechnik und Saatgut gleichermaßen aktiv sind. Die Sorten des Kultursaat e.V. sind sämtlich offen blühend und dadurch nachbauwürdig. Sie bilden – ganz normal! – Samen aus, die wiederum ausgesät werden können: die gleiche Gemüsesorte wächst daraus wieder heran. Dieser Vorgang hat inzwischen bei unseren Gemüsen Seltenheitswert. Die offen blühenden, samenfesten Gemüsesorten der Kultursaat-Züchterinnen und Züchter bereichern unsere Gärten wieder und sichern den Anbau unserer Gemüsepflanzen in Zukunft. Sie sind Ergebnis gärtnerisch-züchterischen Handwerks – mit „Bodenhaftung“.


Züchtungsziele

Kulturpflanzen sollen robust und widerstandsfähig sein und sich für den Anbau unter ökologischen Bedingungen eignen. Die Erwerbsanbaupraxis ist darüber hinaus auf relativ einheitliche und ausreichend ertragreiche Sorten angewiesen. Im Laufe der Züchtungsforschung und Sortenentwicklung wird bei Kultursaat zusätzlich zu den agronomischen Merkmalen insbesondere auch auf Geschmack geachtet. Auf diese Weise sollen Zuchtstämme und samenfeste Sorten mit art-typischem Aroma, wohltuend-intensiver Süße und belebender Knackigkeit entstehen – Grundlage für qualitativ hochwertige Lebensmittel!

Bei Kultursaat werden insbesondere auch die feineren Innenqualitäten berücksichtigt. Dabei sind Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit allerdings kein Selbstzweck, sondern Hinweis für ausgewogenes Wachstum und optimale Reife. Pflanzen sind nicht bloßes Produkt ihres Genoms, sondern offene, entwicklungsfähige, lebendige Wesen, die auf ihre Umgebung reagieren. In diesem Sinne ist Kultursaat-Tätigkeit in erster Linie Umfeldgestaltung und Zuwendung zur Pflanze. Mit Interesse und Respekt für deren Eigenart soll das Potenzial der Kulturpflanzen in ihren diversen Ausprägungen zur Entfaltung kommen können.


Fortbildung

Seit 2008 bietet Kultursaat eine berufsbegleitende Fortbildung zur biodynamischen Gemüsezüchtung an. In über zwei Jahre dauernden Kursen werden die langjährigen Erfahrungen in Samenbau und Züchtung an Interessierte weiter gegeben. Gemeinsam mit Kultursaat-Züchtern wie auch externen Referenten werden Grundlagen in Botanik, züchterischen Verfahren und verfolgten Zielen gelegt. Die Teilnehmenden können so ihre eigenen Fertigkeiten entwickeln, in der Pflanzenzüchtung tätig zu werden und ein vertieftes Verhältnis zu den Pflanzen finden. Seit Herbst 2015 ist die Fortbildung biodynamische Gemüsezüchtung durch Weiterbildung Hessen e.V. zertifiziert. Damit wird für Nachwuchs an professionellen Züchterinnen und Züchtern gesorgt – die Nachfrage ist groß und steigend!

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Saatgut ist die Basis aller Lebensmittelerzeugung. Monopolisierung des Saatgutmarktes, Patente auf Pflanzen, Dominanz von wenigen nicht nachbaugeeigneten Hybriden im Erwerbsanbau und im Hobbygarten, strittige gentechnische Verfahren in der Gemüsezüchtung… diese beunruhigenden Entwicklungen verdeutlichen die Not-Wendigkeit zur Entwicklung neuer Ansätze und Wege.
Die Züchtungsarbeit der Gärtnerinnen und Gärtner des Kultursaat e.V. leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der biologischen Vielfalt unserer Gemüsepflanzen. Die Züchter erhalten den unermesslichen Reichtum unserer Kulturpflanzenvielfalt, entwickeln sie weiter, berücksichtigen dabei die Bedingungen des ökologischen Anbaus wie auch die vier IFOAM-Prinzipien Gesundheit, Ökologie, Gerechtigkeit und Sorgfalt und stellen so wertvolle, nahrhafte Gemüsesorten zur Verfügung. Vielfältige, arten- und sortenreiche Gemüse erfreuen nicht nur das Auge und erhöhen unsere Lebensqualität, sie können auch ein Schlüsselelement sein für unsere künftige Ernährungssicherung und die biologische Vielfalt unserer Gemüsesorten.

Video:


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Dokumente

2016-11_BNN_nachrichten_BeitragBrokkoli-Zuechtung.pdf

2015-11_BNN_Nachrichten_3_15_Chicoree.pdf

2016-04_Info3_Saatgut.pdf

2017_Beitrag_Kultursaat_aus_Katalog_BSAG.pdf

2015-08-27_DemeterJournal_Herbst2015_01.pdf

 

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Tel.:+49 (0) 60 35 / 20 80 97
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