Sekundäre Natur in der Mergelgrube Misburg

Die Nutzung der Landschaft durch den Menschen geht häufig mit dem Verlust von Lebensräumen einher. Doch Nutzung kann auch besondere und in Ihrer Art einzigartige Lebensräume erschaffen. In Zusammenarbeit der Landeshauptstadt Hannover und der Zementindustrie entstand in Hannover-Misburg ein gemeinsames Projekt, das die ökologischen Werte einer ehemaligen Mergelabbaugrube dauerhaft sichert.

Die Zementherstellung ist seit dem 19. Jahrhundert ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in Hannover. Während die meisten so entstandenen Gruben wieder verfüllt wurden, fand man für die „Hannoversche Portland Cement I“ (HPC I) eine naturschutzfachliche Lösung. Diese im Südwesten Hannovers im Stadtteil Misburg gelegene Grube ist über 100 Jahre alt und wurde seit ca. 1970 nicht mehr für die Mergelgewinnung genutzt.

Das Gebiet und damit der für die Zementherstellung benötigte Mergel entstanden vor über 65 Millionen Jahren, als der sogenannte „Seckbruch“ noch Teil des Nordmeeres war. Dadurch entwickelten sich bis zum Beginn der maschinellen Landbewirtschaftung staunasse Böden mit besonders artenreichen Wiesen und Weiden. Durch Grünlandumbruch und den Mergelabbau wurden diese Biotope zerstört und gelten inzwischen landesweit als vom Aussterben bedroht.

Mit dem Mergelabbau entstanden aber auch neue Lebensräume. Vor allem die frühen Mergelgruben haben inzwischen eine herausragende Bedeutung für den Naturschutz und für die Naherholung, denn dort konnten viele seltene Pflanzen- und Tierarten einen neuen Lebensraum finden. Dies zeigt sich besonders in der HPC I. Selbst nach Abschluss des Mergelabbaus fördert eine Pumpe weiterhin das aufsteigende Grundwasser aus der etwa 40 Meter tiefen Grube nach oben und verhinderte damit das Fluten. Dadurch entstanden auf der Grubensohle die früher für den „Seckbruch” typischen Kalkniedermoore und Gewässer mit einem charakteristischen Arteninventar.

Um einerseits den Fortbestand der HPC I zu sichern und andererseits auch den wirtschaftlichen Aspekten gerecht zu werden, gründete sich im Jahr 2000 die GENAMO (Gesellschaft zur Entwicklung eines Naherholungsgebietes in Misburg-Ost mbH) zwischen der Stadt Hannover und der Zementindustrie. Damit wurde die Grundlage geschaffen, um die Aspekte Naherholung, Naturschutz und wirtschaftliche Interessen für eine langfristige Sicherung der Mergelgruben zu verbinden. So wird nördlich des Stichkanals gelegene zweite Grube HPC II bis zu ca. 10 Metern unter Böschungskante mit unbelastetem Boden befüllt, um anschließend in der verbleibenden Mulde eine Nutzung als Badesee zu ermöglichen. Mit der Verfüllung der HPC II werden Gewinne erwirtschaftet die u.a. für den Ankauf der HPC I verwendet wurden. Dadurch befindet sich die HPC I inzwischen vollständig im Eigentum der Stadt Hannover und kann somit als Grube in ihrer jetzigen Ausdehnung erhalten werden und dauerhaft dem Naturschutz und der Naherholung dienen.

Seither wurden verschiedene Maßnahmen für den Naturschutz und die Naherholung durchgeführt. Seit 2004 bietet eine Aussichtskanzel die zu einem Drittel über dem Grubenrand schwebt, eine beeindruckende Panoramasicht über die Grube. Neben dem dauerhaften Abpumpen von Grund- und Oberflächenwasser sind fortwährende Pflegemaßnahmen auf der Grubensohle unabdingbar, insbesondere um dem Aufwuchs von Gehölzen Einhalt zu gebieten und damit die wertvollen offenen Mergelbereiche zu erhalten. Geplant ist die Anlage weiterer Gewässermulden auf der Grubensohle, um die Lebensraumvielfalt weiter zu steigern und insbesondere die Lebensräume für Amphibien und Libellen noch weiter zu verbessern.

Bisherige Kartierungen belegen das Vorkommen von etwa 180 unterschiedlichen Pflanzenarten. Viele Arten davon sind gefährdet, so z. B. mehrere Orchideenarten wie etwa das fleischfarbene Knabenkraut oder die Echte Sumpfwurz. Außerdem konnten zwei Arten der Armleuchteralge, die in Niedersachsen seit 1897 als verschollen galten, erstmals wieder dokumentiert werden. Neuerdings wurden auch zwei Arten des Wasserschlauchs, einer fleischfressenden Pflanze, nachgewiesen. Da mit größerer Abbautiefe der Salzgehalt des Bodens zunimmt, finden auf der Grubensohle sogar salztolerante Pflanzen (Strandaster, Salzbunge), die ansonsten nur an den Meeresküsten beheimatet sind, einen Lebensraum.

Auch für die Tierwelt bietet die Mergelgrube attraktive Lebensräume. Bei den Amphibien ist das Vorkommen des Kammmolches und bei den Vögeln ist neben den Gewässer- und Röhrichtbewohnern der mehrjährige Bruterfolg des Uhus einer besonderen Erwähnung wert. Am südöstlichen Rand der Mergelgrube hat zudem der Eisvogel ein für ihn geeignetes Quartier gefunden. Auch Libellen sind in großer Vielfalt in ihrer Pracht zu bewundern. Des Weiteren bietet die Mergelgrube einer Reihe von Tieren und Pflanzen, die vor Beginn des Mergelabbaus noch im gesamten Bereich des Seckbruchs anzutreffen waren, ein Rückzugsgebiet. Für den Besucher öffnet sich damit gewissermaßen ein Fenster in die Vergangenheit.

Entsprechend ihrer ökologischen Bedeutung ist die Mergelgrube als Fauna-Flora-Habitat Bestandteil des europäischen Natura 2000-Konzepts und genießt seit dem 29.06.2016 den Status eines Naturschutzgebiets.

Aus Gründen der Verkehrssicherung ist eine allgemeine Öffnung der Grube nicht vorgesehen, eine Besichtigung ist im Rahmen von jährlich mehrfach angebotenen Führungen möglich.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Durch die Unterschutzstellung und die Durchführung verschiedener Maßnahmen wird die biologische Vielfalt erhalten und gefördert. Die Mergelgrube dient im Besonderen als Refugialgebiet für Relikte der ehemaligen Vegetation, vor Beginn der maschinellen Landwirtschaft.


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Dokumente

Faltblatt ´Hannovers vielfältige Landschaften - Die Mergelgrube in Hannover-Misburg´

Besonders geschützte Arten in der Mergelgrube Misburg - Ergebnis der bisherigen Untersuchungen

 

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