Indisches Springkraut als Delikatesse für Weidevieh

Seit 2014 weidet eine 12-köpfige Charolais-Ammenkuhherde während der Vegetationszeit im Aubachtal bei Neuwied. Dabei beginnt sie ab Mai ihre Wanderung am Unterlauf, wandert sukzessive ca. 8 km in Richtung Quelle, um dann ab August wieder den Rückweg anzutreten. Mit dieser großflächigen, extensiven Beweidung wird nicht nur die Talaue offen gehalten, sondern auch das indische Springkraut flächig von den Rindern aufgenommen. Dies dient der Regeneration und dem Erhalt der vielfältigen Pflanzengesellschaften der Auewiesen, welche gleichzeitig den heimischen Wildarten üppige Äsung bieten und somit umfangreichen Verbiss in den angrenzenden Waldgebieten verhindern.
Den nachhaltigen Projektbestand sichert die wirtschaftliche Ausrichtung des Projekts und der komplette Verzicht auf Fördermittel.

Der Aubach ist ein typisches Seitengewässer der Wied, das bei Oberraden im Rheinischen Westerwald entspringt und sich rd. 12 km durch ein offenes Wiesental bis nach Oberbieber, einem Ortsteil von Neuwied, schlängelt. Von hier aus legt der Aubach teils unterirdisch, teils oberirdisch, streckenweise auch kanalisiert weitere 7 km zurück, um bei Niederbieber in die Wied zu münden.
Der Fokus des Projekts liegt auf dem offenen Wiesental des Aubachs, das sich, teils breit, teils eng und tief eingeschnitten in den Tonschiefer des Westerwaldes, von Nordosten nach Südwesten erstreckt.
Sowohl die Taulauen, als auch die benachbarten Wälder befinden sich größtenteils im Eigentum des Fürsten zu Wied.
Bis vor ca. 40 Jahren wurden die Wiesen der Talaue intensiv als Weiden und Mähwiesen genutzt. Stetig gepflegte Entwässerungsgräben verhinderten deren Vernässung und ließen eine vollflächige Nutzung zu. Das ständige Wirken der Landwirte vor Ort verhinderte das Einwachsen der Waldränder in die Wiesen der Talaue und hielt das Lichtraumprofil der Wiesen frei von Beschattung. Auch konnten Hecken und andere Gehölzpflanzen nicht im Offenland Fuß fassen. Die Bewirtschaftung der Wiesen im Aubachtal ermöglichte und förderte auf diese Weise die Entwicklung und langfristige Etablierung einer natürlichen Flora und den damit vergesellschafteten Tier- und Pflanzenarten.
Mit Rückgang der Nutzungsintensität vernässten Teilbereiche des Aubachtals zusehends. Einige Flächen wurden standortgerecht mit Erlen, andere weniger passend mit Fichten aufgeforstet, der Rest blieb offen. Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts gab der letzte Landwirt seine extensive Weidewirtschaft auf. Teilflächig wurden die Wiesen als Äsungsflächen für die heimischen Wildarten mittels extensiven Mulchens offen gehalten, im Mittellauf, wo das Tal sich weitet, wurden Mähwiesen unterhalten. Die Waldränder wuchsen mehr und mehr in die Offenlandbereiche ein und Heckengesellschaften, insbesondere Schwarz- und Weißdorn, wucherten die Wiesen von den Seitenrändern her zu. In der Mitte des Bachtals eroberte sich die natürliche Sukzession aus Erlen, Birken und Weiden die Flächen. Das Aubachtal drohte vollständig zuzuwachsen und das die Landschaft prägende Offenland war dabei zu verschwinden. Nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ästhetischer Sicht war diese Entwicklung bedauernswert.
Zu Beginn dieses Jahrtausends setzte ein Nassschneeereignis im Oktober dem Tal intensiv zu, indem insbesondere die Rand begleitenden Hecken und auch schwere Äste aus den Waldträufen unter der Schneelast nachgaben, zusammenbrachen und die Wiesen bedeckten.
In Folge dessen wurde im Rahmen einer großflächig angelegten ABM-Maßnahme der Landesregierung Rheinland-Pfalz mit hohem Einsatz an Arbeitskraft und Fremdkapital „aufgeräumt“, die Wiesen wurden in den Schadgebieten freigelegt und gewannen ihre ursprüngliche Ausdehnung zurück. In Ermangelung einer landwirtschaftlichen Nutzung konnten in die auf diese Weise offengelegten Flächen Neophyten wie das indische Springkraut einwandern und sich der Talauen bemächtigen. Im Schatten der invasiven Arten starben sämtliche Vertreter der heimischen Krautvegetation ab. Optisch war die Neophytenvegetation zwar schön anzusehen, ökologisch stellte deren Dominanz aber eine Katastrophe dar. Die Großräumigkeit der Ausbreitung ließ eine wirksame mechanische Bekämpfung aussichtslos erscheinen.
Eine Recherche, warum Teilbereiche des Aubachtales frei von indischem Springkraut waren, kam zu dem Ergebnis, dass die dort inzwischen wiederum mehrjährig praktizierte Beweidung mit Rindern als Ursache vermutet werden konnte.
Versuchsweise wurde nun auch im Unter- und Oberlauf des Aubaches wieder eine Beweidung ins Leben gerufen. Der Unterlauf wurde, wie im Mittellauf bereits erfolgreich praktiziert, mit Charolais-Rindern beweidet. Im Oberlauf kamen unterschiedliche robuste Rinderrassen, Ziegen und Schafe zum Einsatz. Bereits nach zwei Vegetationsperioden stellte sich der Erfolg ein, der allerdings an folgende Voraussetzungen geknüpft ist:
1. Entnahme der beschattenden Waldbäume unter gleichzeitigem Aufbau gestufter Waldränder
2. Beseitigung anbrüchiger bzw. schief stehender Randbäume, welche die Durchgängigkeit der Wiesen behindern können
3. Auswahl geeigneter, ruhiger Weidetiere in überschaubarer Anzahl
4. Großräumiges, komplett eingezäuntes Weidegelände bei täglicher Kontrolle der Herde zur garantierten Vermeidung von Überweidungserscheinungen
5. Entfernung aller Neophyten außerhalb der beweideten Flächen von Hand.

Seinen Bezug zur Nachhaltigkeit erhält das Projekt durch seine wirtschaftliche Grundlage ohne Inanspruchnahme von Fördermitteln. Die Entfernung des Springkrautes am Rande der Auwiesen und an den Rändern der benachbarten Waldbestände erfolgt durch drei Generationen von Mitgliedern des benachbarten Heimat- und Verschönerungsvereins Oberbieber. Das Beweidungsprojekt Aubachtal ist somit nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und ökonomisch nachhaltig.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Mit Hilfe der Beweidung wird das Wiesental nicht nur als wertvoller Landschaftsbestandteil offen gehalten, sondern fördert die natürliche Biodiversität eines selten gewordenen Ökosystems.
1. Artenreiche, gestufte Waldränder bauen sich auf, welche gleichsam Nischen für die heimische Fauna bieten.
2. Es wird jede von den Rindern erreichbare Springkrautpflanze im Zuge der Nahrungsaufnahme entfernt.
3. Es stellen sich nach Wegfall des indischen Springkrautes wieder artenreiche, heimische Wiesengesellschaften ein, die infolge der Oberflächenaufrauhung mittels Hufschlag der Tiere eine zusätzliche Anreicherung erfahren.
4. Die Weidetiere verteilen auf ihrer Wanderbewegung die Samen der Gras- und Krautpflanzen talauf- und abwärts.
5. Das großflächige Angebot frischer Äsungspflanzen bietet den heimischen Wildtieren eine artgerechte Nahrungsquelle und mindert damit den Wildverbiss in den umliegenden Waldgesellschaften, was auch einer Entmischung der Wälder entgegenwirkt.

Video:
http://www.swr.de/landesschau-rp/gut-zu-wissen/neuwied-mit-kuehen-gegen-das-indische-springkraut/-/id=233210/did=15985988/nid=233210/1ixxmlb/index.html


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Tel.:0171-9937542
gschneider@zuwied.net

 

Weitere Infos

Fürstlich Wiedische Verwaltung (Grundeigentümer und Verpächter), Hr. Arno Kroll (Landwirt), Heimat- und Verschönerungsverein Oberbieber e.V.
Neuwied

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