Urzeitkrebse und Urwildpferde lösen Ulanen und Pioniere ab

Im dicht besiedelten Rhein-Main Gebiet liegt die „Gebrüder-Grimm Stadt“ Hanau. Als alte Garnisonsstadt gilt es, nach Abzug der amerikanischen Gaststreitkräfte (2008) die zahlreichen Kasernen in eine zivile Konversion zu überführen. Zukünftig wird hier Platz für Gewerbebetriebe aber auch attraktiver Wohnraum geschaffen. Inmitten dieser aufkeimenden Bauaktivitäten und leerstehenden Kasernenanlagen liegt das ca. 60 Hektar große FFH-Gebiet „US-Militärgelände bei Großauheim“, von den Einheimischen auch liebevoll als „Campo Pond“ bezeichnet. Es ist ein seit Kaiser Wilhelm II genutzter militärischer Übungsplatz. Im Jahre 1908 übte hier erstmals ein Ulanenregiment mit Pferden, später rollten Panzer über die Fläche und auch der Brückenbau über Gewässer war Teil der Ausbildung von Pionierbatallionen. Heute grasen Pferde ohne Reiter friedlich auf den Flächen und Brücken werden lediglich zu den an der Natur interessierten Menschen geschlagen.

Vogelgezwitscher, Pferdeschnauben und sengende Hitze im Sommer prägen das aktuelle Bild des Campo Pond. Weitläufige Sandmagerrasenflächen, Flechtenkiefernwälder, und der ganzjährig wasserführende „Pond“ bieten einer Vielzahl von seltenen Arten Lebensraum und Rückzugsmöglichkeit im ansonsten urbanen Umland.

Aber genug der prosaischen Beschreibung eines immerhin doch bemerkenswerten Gebietes. Warum sollte nun ausgerechnet der Hot Spot „Campo Pond“ als UN-Dekade Projekt ausgezeichnet werden?

Das schier unerschöpfliche Potenzial der Biodiversität auf Campo Pond hat Bundesforst schon vor Abzug der US-Gaststreitkräfte 2008 erkannt und zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde und der Stadt ein naturschutzfachliches Pflege- und Entwicklungskonzept erstellt.

Zunächst steht der im FFH-Gebiet ausgewiesene Lebensraumtyp 2330 „Dünen mit offenen Grasflächen“ sowie 3132 „Oligo- bis mesotrophe stehende Gewässer“ im Vordergrund. Die Erhaltungszustände der Lebensraumtypen gilt es zu halten und zu verbessern.
Diese Aufgabe übernehmen robuste und genügsame Przewalski-Urwildpferde in einem ausgeklügelten Beweidungskonzept. Die Przewalski-Pferde gelten seit 1970 als in freier Wildbahn ausgestorben. Nur durch die Arbeit der Zoologischen Gärten und des Europäischen Erhaltungs- und Zuchtprogrammes (EEP) gelang es diese Tierart zu erhalten.
Sie garantieren in einer Koppel von ca. 50 Hektar die gewünschte Entwicklung der Flora und Fauna:
Durch die für die Pferde typischen „Sandbäder“ entsteht eine für seltene Tierarten wichtige Rohbodenstruktur. Die Przewalskis pflegen flache Tümpel auf dem Gelände, so dass zahlreiche Amphibien wie die Kreuzkröte angelockt werden. Auch die Zauneidechse bereichert das Gebiet und findet optimalen Lebensraum. So sorgen die seltenen Wildpferde für den Schutz der biologischen Vielfalt und die Verbesserung der Erhaltungszustände.
Im Kielwasser der ganzjährigen Pferdebeweidung wurden inzwischen über 113 Vogelarten nachgewiesen. Dies liegt unter anderem an den für den Mistkäfer interessanten Pferdeäpfeln. Die Fachwelt berechnet die Mistkäferpopulation eines Pferdeapfelhaufens als täglichen Nahrungsbedarf für einen Wiedehopf, der sich hier inzwischen tatsächlich eingefunden hat.
Im Sommer 2014 konnte sogar in flachen Sommertümpeln der Sommer-Feenkrebs und der Kiemenfuß festgestellt werden. Beide Arten werden auch als Urzeitkrebse bezeichnet, die seit vielen Millionen Jahren als „Lebende Fossilien“ überdauert haben.

Die angrenzenden, reich strukturierten, Waldränder mit höhlenreichen Altbäumen bieten dem Wendehals und anderen Spechtarten Brutplätze. Zerstreute Gehölzinseln und Sträucher auf der Fläche dienen als Singwarten und Brutplätze für weitere seltene Vogelarten wie den Neuntöter. Die Insektenwelt wird durch unzählige Wildbienen sowie Heuschreckenarten eindrucksvoll vertreten.
Aber auch schützenswerte Pflanzengesellschaften und Habitatstrukturen lassen sich hier finden; gefährdete Sandtrockenrasen mit Sandstrohblume und seltenen Silber- und Straußgräsern sind ein Teil davon.
Nicht zuletzt fühlen sich auch die Przewalski Pferde wohl, wie ein natürlicher Zuchterfolg im Juni 2014 durch ein gesundes und munteres Hengstfohlen namens „Oleg“ beweist.
So bietet das Projekt den seltenen Przewalskis und den Urzeitkrebsen genügend Raum, um ihre seltenen genetischen Ressourcen zu erhalten und zu vermehren.


Bezug zur biologischen Vielfalt:

Das Umweltzentrum der Stadt Hanau hat „Campo Pond“ ebenfalls als wertvolles Kleinod schätzen gelernt. Das gesellschaftliche Bewusstsein von Jung und Alt wird hier im Hinblick auf biologische Vielfalt, Natur- und Artenschutz sensibilisiert. Das Interesse der Menschen an diesem Projekt belegen die meist schon zu Jahresanfang ausgebuchten Führungen.

Nach 100 Jahren militärischer Nutzung steuern heute Przewalski Pferde einen Beitrag zum Erhalt seltenen gewordener Lebensraumtypen und Arten bei. Dabei werden sie von Bundesforst in der Pflege unterstützt. Das Projekt „Campo Pond“ ist zu einem echten Hingucker im Ballungsraum Frankfurt geworden!

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Besuchen Sie uns

Hanau

Küppelstraße 6
36280 Oberaula

Herr Christoph Goebel
Tel.:066288028
bf-sb@bundesimmobilien.de

 

Weitere Infos

Das Projekt wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben/ Bundesforstbetrieb Schwarzenborn in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Hanau organisiert und betreut.
Oberaula

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