Kirschsortenvielfalt - eine Tradition wird wieder entdeckt

Die Gemeinde Hagen am Teutoburger Wald (a.T.W.) liegt südwestlich von Osnabrück in einer malerischen Talmulde des Naturparkes Teutoburger Wald. Der staatlich anerkannte Erholungsort hat für den Obstbau günstige Boden- und Klimabedingungen. Der auch als "Kirschenhagen" bekannte Ort ist bis heute geprägt durch den traditionellen Süßkirschenanbau, der hier schon seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen ist.

Um 1900 hatte sich Hagen a.T.W. zum bedeutendsten Obstanbaugebiet zwischen Münster und Osnabrück entwickelt. Auch wegen seiner Kirschblüte ist Hagen a.T.W. schon lange ein beliebtes Ausflugsziel. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung des Kirschenanbaus in Hagen jedoch rapide ab. Ein Umbau hin zu Plantagen mit modernen Sorten auf Niedrig- oder Halbstämmen fand nicht statt. Altbäume fielen vermehrt der Säge zum Opfer oder starben wegen Überalterung.

Um die Jahrtausendwende erwachte das Bewusstsein um die Bedeutung der Kirschentradition für Hagen a.T.W. zunächst aus kultureller und touristischer Sicht. Die dann aufkommende Frage nach den noch vorhandenen Kirschsorten machte deutlich, dass in Deutschland kaum noch lebendiges Wissen um die pomologische Bestimmung alter Süßkirschsorten vorhanden war. Im Rahmen zweier Projekte (2004-2006, 2006-2010), beide wissenschaftlich betreut von der Hochschule Osnabrück, wurden diese Grundlagen wieder erarbeitet und geschaffen. Es zeigte sich, dass im Hagener Altbestand noch mindestens 40 alte Süßkirschsorten zu finden waren. Einige davon waren jedoch bereits stark gefährdet, 7 Sorten wurden sogar in Hagen wieder entdeckt - sie galten zuvor als verschollen. Es wurde klar, dass Hagen eine Verantwortung für die Erhaltung seiner Kirschsortenvielfalt übernehmen musste. Parallel zu den Projekten stellte die Gemeinde daher ortsnahe Flächen zur Verfügung, um eine vom Pomologenverein Marburg zusammen getragene Kirschsortensammlung aufzunehmen. Seit 2004 wurden hier insgesamt 360 Jungbäume als Hochstämme in Streulage gepflanzt. Auch die im Altbestand gefundenen Sorten sind dort nun gesichert. Bis dato konnte bei 167 Bäumen die Sorte pomologisch bestimmt werden. Die restlichen Bäume folgen in den kommenden Jahren. Hagen geht davon aus, dass allein in der Neupflanzung über 300 alte Süßkirschsorten gepflanzt und gesichert werden konnten. Damit handelt es sich hier um die derzeit größte zusammenhängende Sortensammlung bei Süßkirsche in Deutschland. Als einer von 7 Kooperationspartnern der "Deutschen Genbank Obst" leistet Hagen a.T.W. wichtige Erhaltungsarbeit im Bereich der Agrobiodiversität. Viele der Kirschsorten sind mittlerweile wieder in Reisermuttergärten erhältlich.

Hagen a.T.W. verbindet die Erhaltung der Kirschsortenvielfalt (mittlerweile auch "Kirschenschatztruhe" genannt) mit einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit. Die finanzielle Unterstützung des zweiten Projektes (BLE-Modellvorhaben) ermöglichte es, einen Kirsch-Lehrpfad zu konzipieren und ihn mitten durch die Kirschsortenpflanzung zu führen. Der Lehrpfad ist mittlerweile zu einem Lernort zum Thema Biologische Vielfalt / Agrobiodiversität geworden. Sieben Pulttafeln informieren den Besucher sozusagen im Vorübergehen über viele Aspekte der Süßkirsche. Es finden Gruppenführungen statt, zudem bedienen sich die Schulen inzwischen gerne dieser Möglichkeit des außerschulischen Lernens im Rahmen von Projektwochen. Natürlich kann der Lehrpfad auch individuell besucht werden. Ergänzend wurden durch den Hagener Altbestand drei Kirschwanderwege und ein Kirschradweg ausgewiesen. Auch hier erhält der Besucher interessante Informationen zu den am Wegesrand stehenden Kirschsorten. Jährlich wird eine Kirschsorte zur "Kirsche des Jahres" ernannt und in Zusammenarbeit mit einer regionalen Baumschule zur Anpflanzung empfohlen. Das 2009 eröffntete "Kirsch-Informationszentrum" ist ein Raum, der für Vorträge, Arbeitstreffen und schulische Projekte zur Verfügung steht. Auch touristisch wird die Kirsche bereits vielfältig umgesetzt - mit der alle zwei Jahre stattfindenden Wahl der neuen Kirschkönigin auf dem Kirschfest zum Beispiel. Aktuell wird an einem neuem touristischen Gesamtkonzept gearbeitet, welches das Thema Kirsche noch weiter voranbringen wird.

Passend zum UN-Dekade-Schwerpunktthema "Vielfalt nutzen-die Angebote der Natur", soll in Hagen a.T.W. die Erhaltung der Sortenvielfalt nicht isoliert gesehen werden. Nach dem Motto "Esst, was Ihr erhalten wollt" widmet sich eine Gruppe Ehrenamtlicher mit viel Engagement der Arbeit an der nachhaltigen Nutzung der alten Kirschsorten. Durch Herstellung und Verkauf regionaltypischer und teils sortenreiner Produkte wie Marmeladen, Chutneys, Kirschwein oder Brand soll die Erhaltung der alten Süßkirschsorten unterstützt werden.

Ein positiver Nebeneffekt des Projektes ist eine sich vermutlich allmählich einstellende Artenvielfalt in den Pflanzengemeinschaften der Grünlandflächen, auf dem die Bäume stehen. Es ist bekannt, dass Streuobstwiesen zu den artenreichsten Biotopen zu zählen sind.



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Dokumente

´Sarah Wiener und die Kirsche´ (Presseartikel 2008)

Hagens erste Kirsche des Jahres (Presseartikel 2008)

Schulprojekt zur Kirschenvielfalt (Presseartikel 2010)

Eröffnung des Kirschlehrpfades (Presseartikel 2010)

Pflanzaktion in der Sortensammlung (Presseartikel 2010)

Kirschenkunst beim Kirschfest (Presseartikel 2011)

Vortrag im Kirschinformationszentrum (Presseartikel 2012)

Der Imker in der Sortenpflanzung (Presseartikel 2012)

KIRSCHlich heiraten in Hagen a.T.W. (Presseartikel 2013)

Arbeit in der Sortensammlung (Presseartikel 2013)

Naturland-Artikel zur Kirschsortenvielfalt Teil 1

Naturland-Artikel zur Kirschsortenvielfalt Teil 2

Naturland-Artikel zur Kirschsortenvielfalt Teil 3

Plakat zu Süßkirschenvielfalt der BLE

Obstsortenwerk Titelblatt

 

Besuchen Sie uns

Kirsch-Lehrpfad (Startpunkt)

Zum Jägerberg 17
49170 Hagen a.T.W.

Öffnungszeiten: immer geöffnet

Frau Felicitas Wöhrmann
Tel.:05401-9465
lizi.woehrmann@t-online.de
http://www.hagen-kirschenseiten.de

 

Weitere Infos

Gemeinde Hagen a. T. W. Touristikverein Hagen a. T. W. AG Natur & Umwelt Hagen e.V. Heimatverein Hagen e.V. Honorarkräfte und Ehrenamtliche
Hagen a.T.W.

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