Nachhaltiges Wohnen in der Huteeiche - altes Holz mit Zukunft für Eremit, Heldbock & Co

Der Truppenübungsplatz Altmark inmitten der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt zeichnet sich neben seiner nahezu unberührten Weite auch durch etwa 8 000 einzeln bis flächig stehende mächtige Hutewaldeichen aus, die ihren Ursprung im 17. Jahrhundert haben. Heute sind sie die Lebensstätte eines der bedeutendsten Vorkommen der sehr heimlich lebenden FFH-Anhang Arten Heldbock, Eremit und Hirschkäfer. Daneben wurden auf dem Truppenübungsplatz Altmark 46 weitere seltene Totholzkäferarten nachgewiesen, die in Deutschland auf der ‚Roten Liste’ stehen.

Diese Käferarten sind in ihrer zurückgezogenen Lebensweise auf besonders alte, absterbende oder gar tote Bäume – besonders Eichen - angewiesen. Solche Stadien erreichen Bäume im normalen Wirtschaftswald nur äußerst selten, wodurch vielen Arten ihre Lebensgrundlage verwehrt bleibt. Eine Eiche im Wirtschaftswald des ostdeutschen Tieflandes ist gewöhnlich im Alter von 180 bis 200 Jahren hiebsreif und wird geerntet. Die Folge ist ein – aus Sicht des Heldbocks und seiner Innungsgenossen – zu junger Wald.
Derzeit wird den Käferarten zwar ein guter Erhaltungszustand attestiert, mittelfristig werden jedoch die noch vorhandenen Hutewaldrelikte ihre natürliche Altersgrenze erreichen und absterben.

Um diese einmaligen Käfervorkommen langfristig zu erhalten, müssen neue Generationen von geeigneten Eichen geschaffen werden. Besonders der Heldbock, der bei diesem Projekt im Fokus steht, benötigt Bäume mit einer breit ausladenden, besonnten Krone. Um solche Baumformen zu fördern hat der Bundesforstbetrieb Nördliches Sachsen-Anhalt in Abstimmung mit dem Gefechtsübungszentrum des Heeres dieses Artenschutzprojekt speziell für diese wärmeliebenden xylobionten Käfer initiiert. Hierfür werden Gruppen von drei bis fünf Eichen hutewaldartig freigestellt und aus der forstlichen Nutzung genommen. Das heißt, es werden Bäume entnommen, die den zukünftigen „Huteeichen“ das Licht nehmen oder ihre Krone bedrängen, sodass diese sich breit entfalten kann. Ebenso gelangt durch diese Freistellung mehr Licht an den Waldboden, wodurch dort der Anteil der Blütenpflanzen zunimmt. Denn auch wenn es sich um xylobionte – also im Holz lebende – Käfer handelt, nutzen die Imagines einiger dieser Käferarten auch Blüten als regelmäßige Nahrungsquelle.
Bei der Freistellung bleibt es jedoch nicht bei einer einmaligen Maßnahme, denn mit den zukünftigen „Huteeichen“ wachsen auch neue bedrängende Bäume heran, die regelmäßig durch Brennholzwerber behutsam entnommen werden müssen.

Neben den sehr speziellen Ansprüchen an ihren Lebensraum wird Heldbock, Eremit und Co auch ihre geringe Mobilität zum Verhängnis. So beschränkt sich der träge Eremit nur auf Entdeckungsreisen mit einer Länge von 1 500 Meter. Aus diesem Grund wird bei der Auswahl der zukünftigen „Huteeichen“ ein Netz mit 1 000 Metern Maschenweite zu Grunde gelegt. So ist gewährleistet, dass auch der trägste Eremit mehrere freigestellte Eichengruppen erreichen kann. Durch diese Vernetzung wird nicht nur die Anzahl geeigneter Bäume erhöht, es werden auch mehrere derzeit voneinander isolierte Populationen auf dem Truppenübungsplatz miteinander verbunden. Das waldfreie Zentrum des Truppenübungsplatzes Altmark ist von Deutschlands größter nicht landwirtschaftlich genutzten Freifläche und damit Mitteleuropas größter zusammenhängender Heide geprägt und somit bisher für Heldbock, Eremit und Co nicht passierbar. Um eine Vernetzung der Habitate auch über diese weiten Heidebereiche zu schaffen, übernimmt das Bundeswehrdienstleistungszentrum Burg dieses Konzept mit in die Managementplanung und etwickelt in Zusammenarbeit mit dem Bundesforstbetrieb ebenfalls breitkronige Eichen im Freigelände.

Mit aktuellen Stand wurden zu Pilotierungszwecken 15 Gruppen mit insgesamt 52 Eichen ausgewählt und freigestellt. In den nächsten zwei Jahren soll das Zwischenziel von weiteren 300 Bäumen erfüllt werden. Auf diese Weise werden mittelfristig auf ca. 7 500 ha Eichengruppen entwickelt, gesichert und somit die Populationen xylobionter Arten vernetzt und geschützt.
Das Artenschutzprojekt macht die positiven Synergien von militärischer Nutzung, naturvertäglicher Geländebetreuung und Naturschutz auf diesem und anderen Truppenübungsplätzen deutlich sichtbar.


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Dokumente

Artikel über das Habitateichen-Projekt [Feuring, C.; Perpeet, M.; Rost, W. (2013); Artenschutz - mal anders, Herausforderungen beim Bundesforst. In AFZ Der Wald 68. Jg., H. 19, S. 26-27]

 

Weitere Infos

Bundesforstbetrieb Nördliches Sachsen Anhalt Steinberge 2 39517 Dolle; Gefechtsübungszentrum des Heeres Truppenübungsplatz Altmark; Bundeswehr-Dienstleistungszentrum Burg Thomas-Müntzer-Str. 5b 39288 Burg,

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