Der Europäische Stör – ein lebendes Fossil mit 200 Millionen-jähriger Geschichte aber ohne Zukunft?

Weiterentwicklung:

Die Rettung der beiden Störarten in Nord- und Ostsee erfordert länderübergreifende Kooperationen, um die bisherigen Bemühungen bei Besatz und Schutz der aufzubauenden Bestände abzusichern. So wurde im Rahmen der Ostseestrategie der EU von 7 der 9 Anrainerstaaten ein Vorhaben vorbereitet, das 2016 starten soll, um gemeinsam an Aufzucht, Besatz und Schutz zu arbeiten. Ziel ist es durch einen ostseeweiten Aktionsplan eine gemeinsame Grundlage unter der Helsinki Konvention zu schaffen. Dabei wird die Fischerei auch aktiv in die Aufzucht von Besatz im Einzugsgebiet der großen Flüsse einbezogen, der bereits in Deutschland erfolgreich erprobt wird. Zur Flankierung der Stör-Wiedereinbürgerung wurde 2015 ein europaweites Netzwerk aus 8 Partnern initiiert, das arbeitsteilig forschen wird. Erste gemeinsame EU geförderte Projekte befassen sich mit neuen Grundlagen des Fischereimanagements, Modellentwicklungen zur Optimierung der Maßnahmenplanung in Wiedereinbürgerungsprojekten sowie sozioökonoomischen und biologischen Studien zum Besatz. 2015 haben die Länder Brandenburg, Berlin und Sachsen Anhalt in einem gemeinsamen Positionspapier ihr Anliegen formuliert, die Durchwanderbarkeit von Havel und Spree wiederherzustellen. Darin ist der Stör als Leitart definiert. Im Rahmen dieser Vereinbarung werden gemeinsam mit den Ländern Lösungsansätze erarbeitet, um die Eignung dieses prioritären Wanderkorridors gemäß gemäß der EU-Wasserrahmen-Richtlinie zu verbessern.

Ursprüngliche Bewerbung:

Er kommt aus der Urzeit, seine Vorfahren sind weit älter als die Dinosaurier. Über 5 Meter lang und 100 Jahre alt kann dieser Gigant der Flüsse werden: der Europäische Stör (Acipenser sturio). Er ist ein Wanderfisch. Die Jungfische wachsen im Süßwasser auf und folgen gleich nach dem Schlupf den Flussläufen, um ins Meer abzuwandern. Erst nach 12 bis 16 Jahren kehren sie als geschlechtsreife Fische zum Ablaichen wieder in ihre Geburtsflüsse zurück.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der Europäische Stör in allen größeren Flüssen Europas zu Hause. In Deutschland gilt er seit 30 Jahren als ausgestorben. Er wurde Opfer von Flussregulierungen, Gewässerverschmutzung und Überfischung. Heute existiert nur noch ein kleiner Bestand von weniger als 300 Tieren in einem Fluss in Frankreich.

Der Stör nutzt eine Vielzahl von Lebensräumen in Fluss und Meer. Seine Ansprüche an die Lebensräume und sein langer Generationszyklus machen ihn empfindlich gegenüber Umweltveränderungen durch den Menschen. Dies ist andererseits auch die Grundlage dafür, dass er aufgrund seines hohen Wiedererkennungswertes und seines Sympathiebonus eine ideale Schirmart darstellt, um anderen Arten, die auf diese Lebensräume angewiesen sind, zu helfen.

Mittels genetischer Untersuchungen haben Forscher festgestellt, dass der Europäische Stör in der Nordsee lebte, während in der Ostsee der Amerikanische Stör (Acipenser oxyrinchus) vorkam. Diese beiden Arten wieder in unseren Gewässern anzusiedeln ist ein Leuchtturmprojekt der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung.

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei arbeitet mit der Gesellschaft zur Rettung des Störs und anderen Institutionen gemeinsam an dieser Aufgabe. Im Zentrum der Vorhaben steht der Aufbau von Elterntierbeständen für beide Arten, die als Grundlage für die Auswilderung und damit die Etablierung von sich selbst erhaltenden Populationen unabdingbar sind. Im Rahmen von experimentellen Besatzmaßnahmen wird versucht zu ermitteln, welche Schlüsselfunktionen die Gewässer für eine erfolgreiche Wiederansiedlung der beiden Störarten erfüllen müssen.

Um das Verhalten der Tiere im Freiland zu untersuchen, setzen die Wissenschaftler mit Sendern versehene Tiere in den Gewässern der Einzugsgebiete von Elbe und Oder aus. So sollen die Wanderungen und die Nutzung der Lebensräume bestimmt und Größe der Tiere, Aussetzorte sowie die Jahreszeit für den Besatz optimiert werden. Aber auch die Frage nach Gefährdungsfaktoren ist ein wichtiger Motor für das Monitoring.

Dank eines bereits reproduzierenden Elterntierbestandes konnten in der Oder seit 2006 über eine Millionen Jungfische des Ostseestörs ausgesetzt werden. Vom Europäischen Stör wurden bis heute ca. 20.000 Tiere aus den Nachzuchten des französischen Kooperationspartners Irstea an der Elbe und ihren Zuflüssen besetzt.

Fischer und Angler werden bei der Überwachung der Wanderbewegungen einbezogen: Sie melden ihre Störfänge unter Angabe von Fangort, Zeitpunkt, Gerät, Länge, Masse sowie Gesundheitszustand des Tieres und der Markennummer (wenn vorhanden), bevor sie den seltenen Fang schonend in seinen Lebensraum entlassen. Auch die Fischereiaufsicht unterstützt das Vorhaben indem sie Informationen an die Fischerei weitergibt und Fangmeldungen sammelt. Ein vergleichbares Monitoring könnte die Forschergruppe alleine nicht leisten.

Regelmäßig werden die freiwilligen Teilnehmer über den Fortschritt des Projekts informiert, denn auch sie haben ein Interesse daran, dass der Stör bald in die europäische Gewässern zurückkehrt und somit die biologische Vielfalt bereichert. Die Ergebnisse dieser Forschung bilden die Grundlage von Renaturierungsmaßnahmen an Gewässern. Aber auch bei der Planung von neuen Fischtreppen werden die Wissenschaftler des Projekts als Experten einbezogen, so bei der 2010 in Betrieb genommenen Fischtreppe in Geesthacht. Sie ist die größte ihrer Art in ganz Europa, um auch dem Stör den Weg in seine angestammte Kinderstube zu ermöglichen. An der Geesthachter Elbbrücke bremsen 45 Becken die Strömung am Gefälle des Stauwehrs so weit ab, dass die Fische bei der Wanderung elbaufwärts in ihre Laichgebiete den Höhenunterschied überwinden können.

Auf der Basis des im November 2007 vom Ständigen Ausschuss der Berner Konvention verabschiedeten Europäischen Aktionsplans zur Erhaltung des Europäischen Störs wurde mit Unterstützung der involvierten Institutionen und Vertretern der Ressourcennutzer 2010 der Nationale Aktionsplan zur Arterhaltung und Wiedereinbürgerung des Europäischen Störs entwickelt. Er soll einen verbindlichen Rahmen für die zukünftigen Arbeiten setzen und als Grundlage für gewässerspezifische Managementpläne dienen.

Bezug zur biologischen Vielfalt:

Die Umsetzung des Aktionsplans ist eine langfristige Aufgabe und erfordert eine enge Kooperation aller Beteiligten, wie es am Beispiel der Geesthachter Fischtreppe auch erfolgreich funktioniert. So könnte die Wiederansiedlung des Europäischen Störs zu einer Erfolgsgeschichte in den Bemühungen der Bundesrepublik zum Schutz und zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt werden.


Bild 1
Bild 2

Bild 3
Bild 4

Dokumente

Nationaler Aktionsplan zum Schutz und zur Erhaltung des Europäischen Störs (Acipenser sturio)

Informationsflyer, liegt in allen Sprachen der Anrainerstaaten der Ostsee vor.

Kurzbroschüre zur Rettung des Europäischen Störs

 

Besuchen Sie uns

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Müggelseedamm 310
12587 Berlin

Öffnungszeiten: Besuch nach Absprache

Frau Nadja Neumann
Tel.:030-64181975
nadja.neumann@igb-berlin.de
http://www.sturgeon.de/

 

Weitere Infos

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V.
Berlin

Aktuelles, Projekte und Termine in unserem Newsletter
*Pflichtfeld