Vom Schmetterlingsnetz zum Sozialen Netzwerk – Taxonomie 2.0

Rafflesia mixta und Drosera magnifica haben ihre Bekanntheit Facebook zu verdanken. Diese zwei Pflanzen zeigen, welche Chancen sich der Taxonomie inzwischen bieten. Modernste Methoden verschmelzen mit althergebrachten und lösen diese ab.

Der Botaniker Paolo Gonella staunte wohl nicht schlecht, als er in den Facebook-Fotos eines Freundes eine Pflanze entdeckte, die er nie zuvor gesehen hatte. Eine Reise zum Fundort bestätigte: Es handelt sich um eine neue Art, die fleischfressende Pflanze Drosera magnifica. Auch die parasitische Pflanze Rafflesa mixta wurde über das Soziale Netzwerk entdeckt.

 

Taxonomen – Die Sherlocks der Biologie

Taxonomen identifizieren, beschreiben und klassifizieren Lebewesen. Ihr Beruf galt lange als verstaubt. Seit dem Vormarsch der Genetik und des Internets jedoch erlebt die Taxonomie einen Aufschwung durch die ihr zur Verfügung stehenden neuen Möglichkeiten. Sie arbeitet mit modernsten Methoden.

 

Lässt sich ein Lebewesen nicht anhand seiner Morphologie identifizieren, können heutzutage DNS-Analysen beantworten, ob es sich wirklich um eine neue Art handelt. Als internationaler Standard für diese Art der Identifizierung wurde der DNA-Barcode vorgeschlagen, ein Abschnitt aus 650 Basenpaaren, der in Sequenzbibliotheken für beschriebene Arten archiviert und gezielt zum Vergleich herangezogen wird. Solche Bibliotheken und Datenbanken ermöglichen einen weltweiten Austausch von Daten, Publikationen etc. Diese sogenannte Cyber-Taxonomie erspart Forschenden das Anfordern und Verschicken wertvollen Untersuchungsmaterials und einen schnelleren Zugang zu Informationen.

 

Gezielter Schutz durch Taxonomieerfolg

Wie die Taxonomie sich auf Schutzmaßnahmen auswirken kann, zeigt die neueste Entwicklung im Tigerschutz: Da es nun nach aktuellen Erkenntnissen statt neun nur noch zwei Unterarten des Tigers gibt, können sich die Bemühungen zum Artenschutz auf diese beiden konzentrieren. Zu dieser Erkenntnis gelangte ein Forscherteam unter Beteiligung des Leibnitz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung.

 

Der Vergleich umfassender, teils molekulargenetischer Daten zeigte, dass es eigentlich nur den Sundra- (Panthera tigris sondaica) und den Festland-Tiger (Panthera tigris tigris) gibt. Diese taxonomische Neubewertung ist die Grundlage für gezieltere Maßnahmen zum Schutz der letzten knapp 4.000 freilebenden Tiger. Die vielen Unterarten hatten das bisher erschwert.

 

Ausblick

In der Übersichtstudie „Taxonomische Forschung in Deutschland“ unter Beteiligung des Netzwerk-Forums zur Biodiversitätsforschung in Deutschland (NeFo) kam man 2012 zu folgendem Ergebnis (Zusammenfassung der Studie, S. 117): Die Taxonomie trägt wesentlich zur Lösung aktueller Herausforderungen (wie dem Umgang mit invasiven Arten) sowie zur Dokumentation bei, ob Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsziele erreicht werden.

 

Durch die Onlinevernetzung gewinnt die Taxonomie deutlich an Möglichkeiten. Und hat im Wettlauf gegen die Zeit vielleicht etwas bessere Chancen: Da immer mehr Arten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt werden, sind die zeitlichen Vorteile der Cyber-Taxonomie nicht zu unterschätzen. Um trotz erhöhter Geschwindigkeit die Qualität auf hohem Niveau zu halten, ist ein integrierter taxonomischer Ansatz zu bevorzugen, der mehrere Merkmalssysteme berücksichtigt: molekulare, morphologische und ökologische Informationen.

 

Hier können Sie den Artikel „Taxonomie im Wandel“ in der „Biologie unserer Zeit“ 5/2015 (45) erwerben. Artikel zur Entdeckung des Prächtigen Sonnentaus (Drosera magnifica) im Smithsonian Mag (engl.). Dossier zur Bedeutung der Taxonomie auf scinexx.de lesen. Mitteilung zur Neustrukturierung der Tigerarten beim Forschungsverbund Berlin e.V. lesen. PDF-Download der Studie „Taxonomische Forschung in Deutschland“ (2012) zur Taxonomie beim NeFo.

Die Sonnentauart Drosera magnifica wurde über Facebook entdeckt. | ©Paulo Gonella auf Smithsonianmag.com

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