Wir sind mitten im sechsten Massenaussterben – na und?

Vor kurzem im Museum: Auf dem Zeitstrahl der Erdgeschichte entdecke ich, dass es bisher fünf große Einschnitte in die Artenvielfalt gab. Jedes Mal starben – über den Daumen gepeilt – 50 bis 80 % der Arten aus. Ich denke an Dinos und Mammuts. Daran, wie es wohl ist, wenn 80 % der Lebewesen weg sind. Und frage mich ganz heimlich, ob der Verlust der Biodiversität, auf den wir mit dem UN-Dekade-Team aufmerksam machen wollen, nicht einfach ein natürlicher Prozess ist. Sagen wir doch einfach: Das war schon (immer) so!

Die Wandertaube gehört zu den Arten, die unter Einfluss des Menschen innerhalb von kurzer Zeit ausstarben.

Die Wandertaube gehört zu den Arten, die unter Einfluss des Menschen innerhalb von kurzer Zeit ausstarben.

Höher, schneller, weiter: Menschengemachtes Massenaussterben

Kurz nach meinem Museumsbesuch ist es offiziell: Forscher der Stanford University melden, dass Massenaussterben Nr. 6 begonnen hat – und zwar mit Höchstgeschwindigkeit. Konkret heißt das: Es sterben zwar immer Arten aus (Hintergrundaussterben). Aber was gerade passiert, ist deutlich schneller und stärker als bisher. Ein Beispiel gefällig? Wären seit 1900 neun Wirbeltierarten ausgestorben, läge das durchaus im Rahmen. Wir haben selbigen aber gesprengt: Es sind nicht neun, sondern 468 Wirbeltierarten ausgestorben. Insgesamt sind es sogar 100-mal mehr Arten als vermutet, darunter die Wandertaube. Und es ist klar, dass wir Menschen der Grund dafür sind. Unsere Einflüsse auf Ökosysteme, Klima usw. ändern die Lebensbedingungen schneller, als man sich evolutionär anpassen kann. Ergebnis: Exitus.   

Wozu die Aufregung?

Ja, ok, gibt’s also weniger Arten, und? Aber: Dem Artensterben geht oft ein zerstörter Lebensraum voraus und mit ihm der Verlust der Leistungen, die so ein Ökosystem stemmt: Klares Wasser? Fruchtbarer Boden? Saubere Luft? Obst und Gemüse auf dem Tisch? Könnten für die nächsten Generationen nicht mehr selbstverständlich sein. Wir stecken mitten drin – und mächtig in der Klemme. Denn die ganze Aufregung kommt doch daher, dass es uns an den Kragen geht. Auch wenn es vielen entfallen zu sein scheint: Homo sapiens ist nur eine von vielen Arten auf diesem Planeten. Das Artensterben macht vor uns nicht Halt. Unterschwellig merken die Leute das vielleicht. Tiger retten, Schutzgebiete einrichten, Klimagipfel, UN-Dekade der Biodiversität – alles Engagement ist der Versuch, unsere Haut zu retten.

Das große Ganze

In Ökosystemen hat alles eine Aufgabe. Was ist unsere? Wir täten gut daran, immer mal wieder einen Schritt zurückzutreten und uns in Raum und Zeit zu verordnen. Der Mensch ist erdgeschichtlich betrachtet ein Küken. Auch wenn wir immer mehr werden, sind wir wenige. Wir denken, wir sind anpassungsfähig, dabei gibt es X Arten, die schon ganz andere Dinge mitgemacht und das sehr viel besser drauf haben als wir. Ich finde es immer wieder beruhigend, wenn ich sehe, wie sich die Natur Menschengemachtes einverleibt. Wenn Gebäude überwuchern und zerfallen, bis unsere Spuren verwischt sind. Denn egal wie viel Schaden wir anrichten, wir können unseren Planeten nicht zerstören. Dazu sind wir nicht in der Lage, so viel Macht haben wir doch gar nicht, wir kleinen Menschen. Was wir zerstören, sind wir selbst. Oder wie Paul Ehrlich es zusammenfasste, einer der Forscher zum 6. Massenaussterben: Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Zurück auf Start

Ist es also eine Sisyphos-Arbeit, die alle Umwelt-/Natur-/Klima- und Biodiversitäts-Engagierten jeden Tag leisten? Nein. Mein Denkergebnis: Es lohnt sich. Je mehr Menschen um den Wert der Biodiversität wissen, desto mehr ändern vielleicht ihr Verhalten. Wenn wir also wissen, dass wir auf einem Ast sitzen während wir selbst daran sägen, dann sorgen wir doch dafür, dass wir statt einer Kreissäge einen Löffel in der Hand haben.

Bildnachweis

„Martha last passenger pigeon 1914“ von Enno Meyer - http://archive.org/stream/publishedfigures00shuf#page/466/mode/2up. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Martha_last_passenger_pigeon_1914.jpg#/media/File:Martha_last_passenger_pigeon_1914.jpg

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