Landwirtschaft und biologische Vielfalt – eine Hassliebe?

Biodiversität birgt zahlreiche Chancen für die Landwirtschaft. Denn der Ertrag hängt u. a. mit Ökosystemleistungen wie Bodenfruchtbarkeit oder Bestäubung durch Insekten zusammen. Monokulturen und eine Intensivierung der Landwirtschaft mindern die biologische Vielfalt eher.

Maßnahmen im Sinne der Biodiversität wie die Reduktion von Pestiziden o. Ä. bedeuten für sie häufig Einschränkungen. Verständlich, dass das zu Konflikten zwischen Naturschutz und -nutzung führt. Beide Seiten suchen allerdings stetig neue, möglichst gemeinsame Wege und finden sie auch immer wieder. Wir stellen Ihnen in diesem Artikel ein paar davon vor.

Dunkelgrünes Licht für artenreiches Grünland

Grünland steht seit einiger Zeit unter enormem Nutzungsdruck: Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Intensivierung der Milchproduktion wird mehr Ackerfläche für Biomasse oder Futteranbau benötigt. Grünland ist zugleich aber Lebensraum für ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen; zahlreiche Insekten finden hier den Hauptanteil ihrer Nahrung. Seine extensive Nutzung gehört daher zu den sogenannten „dunkelgrünen Maßnahmen“, die für den Erhalt der biologischen Vielfalt besonders effektiv sind. Schutz und Nutzung dieser Flächen stehen miteinander in Konkurrenz.

Auf einem Grünlandkolloqium Mitte April forderte Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, daher zweierlei, um diesen Lebensraum in Sinne der Biodiversität zu schützen: Zum einen sollen Landwirte intensiver beraten werden, wie dunkelgrüne Maßnahmen in ihre betrieblichen Abläufe passen. Zum anderen muss deren Umsetzung für die Landwirte attraktiver werden. Probate Mittel könnten langfristige Vereinbarungen und angemessene Prämien sein.

Ein Beispiel aus der Praxis ist „Landwirtschaft für die Artenvielfalt“, ein neuer Naturschutzstandard für den Ökologischen Landbau. Ziel des Projekts unter der Leitung des WWF: die biologische Vielfalt im landwirtschaftlich genutzten Raum zu steigern bzw. ihren Verlust aufzuhalten. Besonderen Wert legen die Projektverantwortlichen dabei auf die intensive Beratung der Landwirte, welche Maßnahmen für ihren Betrieb, den Standort und die dort lebenden Zielarten die sinnvollsten sind. Austausch und Kooperation gelten hier als Erfolgsfaktor Nr. 1. Als Basis fungiert ein Leistungskatalog mit über 70 verschiedenen Maßnahmen.

http://www.landwirtschaft-artenvielfalt.de/

Mehr zum Thema Grünland, seiner Bedeutung für die biologische Vielfalt sowie Maßnahmen zur Stärkung dieses Lebensraums im Grünland-Report des Bundesamts für Naturschutz (PDF-Download).

Gegengewicht zu Überdüngung und Monokulturen

Die zur extensiven Bewirtschaftung gehörende Reduktion von Düngemitteln ist das übergreifende Thema einer Studie des Leibnitz-Instituts für Pflanzenbiochemie. Das Forscherteam fand heraus, dass Pflanzen bei Phosphatmangel im Boden stärker seitliche Wurzeln ausbilden, um die Aufnahme wichtiger Nährstoffe wie Phosphat und Eisen zu optimieren. Die Erkenntnis könnte zur Entwicklung neuer Nutzpflanzen beitragen, die Phosphat besser erschließen. Dadurch wäre weniger Kunstdünger notwendig, was hinsichtlich der weltweit zur Neige gehenden Phosphatvorräte ein Lösungsansatz sein kann. Zugleich würde dies die Gefahr des Überdüngens mindern, das u. a. zur Veränderung der umliegenden Lebensräume führt (u. a. durch Nährstoffeinträge ins Grundwasser).

Mit der funktionellen Vielfalt von Pflanzen hat sich eine Projektgruppe des Max-Planck- Instituts für chemische Ökologie beschäftigt. Unterschiedliche Ausprägungen einzelner Gene können – je nach Funktion – der gesamten Population nutzen. Die Vielfalt der Gene ist ja auch Teil der Biodiversität; Lebewesen können sich durch sie besser an veränderte Bedingungen anpassen. Gerade in Monokulturen ist genetische Vielfalt jedoch stark eingeschränkt. Das Forscherteam fand heraus, dass bereits die genetischen Unterschiede einiger weniger Pflanzen positive Auswirkungen auf die gesamte Monokultur haben können. Für die Landwirtschaft eine gute Neuigkeit – lassen sich so doch ggf. einige Vorzüge biologischer Vielfalt wie Schutzfunktionen auch in Monokulturen wieder herstellen.   

Ganzen Artikel beim Max-Planck-Institut für chemische Ökologie lesen.

Exkurs: Alternativmodelle CSA + Solawi

Von Monokulturen und Massentierhaltung verabschiedet hat sich das Modell CSA (Community Supported Agriculture) oder Solidarische Landwirtschaft: Ein Landwirt bildet mit einer Gruppe Verbrauchern eine Finanzierungs- und Versorgungsgemeinschaft, von der letztlich alle profitieren. Verantwortung, Kosten und Ernte werden aufgeteilt; der Kreislauf ist transparent. Und der Bezug zur Biodiversität? Viele der Höfe erzeugen Bio-Produkte, arbeiten mit alten Tierrassen und Pflanzensorten und können nachhaltig bewirtschaften, weil nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht. Eine Solawi-Initiative wurde kürzlich als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet. Mehr dazu erfahren Sie in der Rubrik UN-Dekade-Projekte dieses Newsletters.

Weitere Infos und eine Suchfunktion für Solawi-Höfe und -Initiativen unter: http://www.solidarische-landwirtschaft.org

Landwirtschaft für Artenvielfalt. Infografik: WWF

Landwirtschaft für Artenvielfalt. Infografik: WWF

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