Vielfalt News Nr. 79 | 23. Januar 2015

Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser,

herzlich willkommen zum ersten Newsletter des Jahres 2015! Diesmal stellen wir Ihnen u.a. zwei frisch gekürte UN-Dekade-Projekte vor, berichten über die 3. Vollversammlung des Weltrats für Biologische Vielfalt und haben einige Erfolgsmeldungen aus dem Naturschutz für Sie gesammelt.

Außerdem gibt es faszinierende Neuigkeiten zur Verbindung zwischen Biodiversität und asexueller Fortpflanzung bei Pflanzen sowie zu den aufschlussreichen Fähigkeiten ganz unterschiedlicher Lebewesen – vom Wolf bis zum Bakterium.

Eine vergnügliche Lektüre wünscht Ihr

UN-Dekade-Team

Neues zur biologischen Vielfalt

3. Vollversammlung des Weltrats für Biologische Vielfalt

Vom 12.-17.01.2015 fand in Bonn die dritte Sitzung der International Platform on Biodiversity & Ecosystem Services (IPBES) statt. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks betonte in ihrer Eröffnungsrede die zentrale Bedeutung der Biodiversität und der Ökosystemleistungen für eine nachhaltige Entwicklung und dass die Politik auf Handlungsempfehlungen aus der Wissenschaft angewiesen sei. Zu den Themen der sechstägigen Versammlung gehörten u. a. das IPBES Arbeitsprogramm, budgetäre Fragen, die Nominierung und Auswahl eines disziplinübergreifenden Expertengremiums sowie Bewertungen zu Degradierung, Renaturierung, invasiven Arten und der nachhaltigen Nutzung von Arten. Politikwerkzeuge, Methoden, Verfahrensregeln und Kommunikation standen ebenfalls auf dem Plan. Der Vollversammlung ging ein zusätzliches Treffen am 11.1. voraus, bei dem regionale Beratungen und der Dialog mit den Interessenvertretern im Mittelpunkt standen.
Zu den Ergebnissen der Versammlung zählen u. a. der Beschluss einer Kommunikationsstrategie, der Einbindung von Stakeholdern über reine Kommunikationsmaßnahmen hinaus sowie einer Reihe von Vorstudien zu verschiedenen regionalen und einem globalen Gutachten. Einen Überblick über die Ergebnisse hat das Netzwerk Forum für Biodiversitätsforschung (NeFo) zusammengestellt. Hier geht’s zum Download. Im Blog des NeFo finden Sie eine Kurzfassung.  
Die UN-Organisation IPBES soll Regierungen hinsichtlich der nachhaltigen Nutzung biologischer Vielfalt sowie der Dienstleistungen des Ökosystems beraten und wissenschaftlich fundierte Entscheidungshilfen geben. Wie man die Arbeit der IPBES unterstützen kann, welcher Arbeitsaufwand anfällt, was die Beteiligten antreibt und wie sich die Wahrnehmung in den verschiedenen Weltregionen unterscheidet – all diesen Fragen ging eine NeFo-Forscherin auf den Grund. Die Antworten sind in diesem Video zusammengefasst.

Zahl der Seehunde in Schleswig-Holstein auf dem Höchststand

Mit ca. 13 000 Tieren ist der Seehundbestand im Nationalpark Wattenmeer so hoch wie noch nie seit Beginn der Zählungen. Das ist eine der Erfolgsmeldungen aus dem schleswig-holsteinischen Jagd- und Artenschutzbericht 2014. 

Weitere gute Nachrichten gibt es von den Weißstörchen und der Lachseesschwalbe: Bei ersteren erreichte die Zahl der Brutpaare den höchsten Stand seit 30 Jahren; die Population der Lachseeschwalbe könnte nun dank erfolgreicher Schutzmaßnahmen wachsen.
Umweltminister Robert Habeck versicherte, dass Schleswig-Holstein Maßnahmen ergreife, den Verlust von Arten und Lebensräumen zu stoppen. Viele dieser Regelungen kommen dabei gleich mehreren Arten zugute. Als Beispiel ist das Projekt „Rotmilan – Land zum Leben“ zu nennen, das im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt gefördert wird. Der Raubvogel steht hier als Verantwortungsart Schleswig-Holsteins und Deutschlands im Mittelpunkt. Um sein Nahrungsangebot zu verbessern, soll u.a. die Bewirtschaftung mit Kleegras auf horstnahen Flächen etabliert werden. Davon profitieren auch Kleinsäuger und Wildtiere, z. B. Feldhase und -hamster sowie das Rebhuhn. Mehr zu diesem bundesländerübergreifenden Projekt erfahren Sie hier.

Jagd- und Artenschutzbericht Schleswig-Holstein

Zusammenhang zwischen asexueller Fortpflanzung und Biodiversität

Forscher der Universität Göttingen fanden heraus, dass asexuelle Fortpflanzung nicht – wie bisher angenommen – automatisch zum Verlust der Anpassungsfähigkeit und der genetischen Variation führt. Vielmehr kann sie auch eine Strategie sein, mit denen manche Hybridpflanzen das Fortbestehen der Linie sichern. Hybridpflanzen aus zwei sexuellen Pflanzen sind häufig steril. Die Wissenschaftler stellten fest, dass bei den untersuchten Pflanzen ein spontaner Wechsel zur asexuellen Fortpflanzung stattfindet. Dabei erhält der Hybrid sich die Fähigkeit zur sexuellen Fortpflanzung, er kann zu ihr zurückkehren. Diese Flexibilität öffnet Entwicklungslinien aus Hybriden den Weg, neue Lebensräume zu besiedeln und sich dort zu etablieren.
Das Phänomen ist v. a. bei hoher Biodiversität zu beobachte, bspw. in großen, artenreichen und geografisch weit verbreiteten Pflanzenfamilien. Eine dieser Familien sind die Hahnenfußgewächse, an deren Beispiel die Untersuchung durchgeführt wurde. Hier geht’s zum Artikel.

NRW will gefährdete Nutztierrassen fördern

Als erstes Bundesland will Nordrhein-Westfalen die Zucht gefährdeter Nutztierrassen fördern, die typisch für NRW sind. Grundlage hierfür ist die Rote Liste des Bundesamts für Landwirtschaft und Ernährung. Haltungsprämien sollen dabei als Anreiz dienen. Dieser Weg war bereits im Zusammenhang mit dem Roten Höhenvieh erfolgreich, dessen Bestand sich zwischen 2006 und 2013 mehr als verdoppelte. Einige der Rote-Liste-Rassen sind auch Arche-Mitglieder des UN-Dekade-Projektes „Slow Food Arche des Geschmacks“: Dazu gehören das Bunte Bentheimer Schwein, die Deutschen Sattelschweine (z. B. Angler Sattelschwein und Schwäbisch Hällisches Schwein) sowie das Glanrind und das Hinterwälder Rind.
Geplant ist, neben typisch nordrhein-westfälischen auch gefährdete Rassen zu fördern, die überregional vorkommen. Mit diesem Vorgehen will NRW mehr für den Erhalt der Biodiversität in der Landwirtschaft tun. Das Bewahren der genetischen Ressourcen trägt dazu bei. Nun muss nur noch die EU-Kommission ihre Zustimmung geben. Die ganze Meldung lesen Sie hier.
Zur Haltung alter Rassen ruft auch eine neue Broschüre des UNESCO-Biosphärenreservates Rhön auf. Die Broschüre mit dem Titel „Rassige Raritäten. Alte Haus- und Nutztierrassen in der Rhön“ ist gratis in den Informationszentren des UNESCO-Biosphärenreservats erhältlich.

UN-Dekade-Projekte und -Beiträge

Die Verbindung von biologischer Vielfalt und Design

Das „Haus am Weg“ gibt dem Begriff „Lebensraum“ eine weitreichende Bedeutung. Beim Bau kompensierte Bauherr und Künstler Samuel J. Fleiner die für den Neubau verbrauchte Fläche durch verschiedene Maßnahmen und schuf dadurch u.a. Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Nun wurde das Haus als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet, und zwar unter dem Titel „Artenschutz und Biologische Vielfalt als Designkriterium beim Neubau eines Seminarhauses mit Galerie“.  Das Gebäude wurde energiesparend und nach baubiologischen Gesichtspunkten errichtet. Zwei Kernpunkte sind die passive Klimatisierung durch ein Gründach und ein durchdacht angelegtes Treppenhaus. Die Außenanlage bietet so viel Vegetationsraum wie möglich; so auch auf dem Gründach und dem Schotterrasen, der als Stellplatz dient. Niederschlag versickert oder wird bspw. für die Toilettenspülung genutzt. Insektenhotels, Nistkästen für Fledermäuse, Trockenmauern, ein großer Teich und eine naturnahe Blumenwiese beherbergten schnell die ersten Bewohner. Die Bepflanzung setzt auf nektarreiche Pflanzen und alte Obstsorten.
Im „Haus am Weg“ finden u.a. Kunstausstellungen zu den Themen biologische Vielfalt und Nachhaltigkeit statt, aber auch Kochkurse mit regionalen Erzeugnissen und Bioprodukten. Langfristig soll das Gebäude mit Modellcharakter in eine Stiftung überführt werden, die o.g. Kunstrichtung fördert. Hier erfahren Sie mehr über das Projekt.

Schüler aus Rumänien und Deutschland nutzen GPS-Bildungsrouting für biologische Vielfalt

Das neueste UN-Dekade-Projekt „NaviNatur Schulaustausch zwischen Rumänien und Deutschland“ geht den digitalen Weg, um das Thema biologische Vielfalt ins öffentliche Bewusstsein zu tragen. Jugendliche aus fünf Schulen befassten sich theoretisch wie praktisch mit der Materie und setzten ihre Ergebnisse als GPS-Bildungstour um – mit Texten, Bildern und Tonaufnahmen. 

Einen wichtigen Teil des Projektes stellte die sogenannte Peergroup-Education dar: In länderübergreifenden Konstellationen arbeiteten die Jugendliche zusammen und schulten sich gegenseitig – auch was die jeweilige kulturelle Prägung betrifft. Besuche in Naturparks und Biosphärenreservaten der beiden Länder brachten sie in direkten Kontakt mit der Natur und bildeten die Grundlage für die Ideen zum GPS-Bildungsrouting. Bei der Vorstellung der GPS-Touren erklärten die Schüler selbst die Geräte sowie den Gedanken hinter den Touren und waren als Referenten im Gelände unterwegs.
Eine große Chance dieses Ansatzes ist, Biodiversität aus verschiedenen Perspektiven anzugehen. Deutlich wurde dabei auch, dass das Projekt viele Verbindungen zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt aufzeigt, u.a. zu den Handlungsfeldern Tourismus und naturnahe Erholung sowie Bildung und Information als Schlüsselkatalysator für einen gesellschaftlichen Wandel.
Mehr über das Projekt erfahren Sie hier.

Link zur Projektwebseite

Termine und Publikationen

25. März 2015: Fachtagung "Ressourcen schonen – biologische Vielfalt erhalten"

Was können Unternehmen tun, um bei der Substitution von z. B. abiotischen durch biotische Rohstoffen den Schutz der biologischen Vielfalt stärker zu berücksichtigen? Welche ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen beeinflussen die Entscheidungen für eine biodiversitätsfreundliche Rohstoffbeschaffung und -verwendung auf betrieblicher Ebene? Diese und weitere Fragen sind Gegenstand einer Fachtagung, die das Bundesumweltministerium (BMUB) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) am 25. März 2015 in der Universität Frankfurt/Main durchführt. Infos und Anmeldung hier

26. März 2015: Dialogforum 2015 "Unternehmen Biologische Vielfalt 2020"

Unternehmen Biologische Vielfalt 2020 ist eine Dialogplattform zwischen Wirtschaft und Naturschutz. Sie wurde 2013 vom Umweltministerium (BMUB) gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft ins Leben gerufen. Jährlich findet ein Dialogforum statt, um sich über aktuellen Entwicklungen der Initiative auszutauschen. Das diesjährige Forum findet im Anschluss an die Fachtagung "Ressourcen schonen – biologische Vielfalt erhalten" am 26. März in der Universität Frankfurt statt. Teilnehmer erhalten aktuelle Informationen aus der Naturschutz- und Umweltpolitik und können sich mit Fachleuten aus Wirtschaft und Naturschutz über die Integration biologischer Vielfalt in die betriebliche Realität austauschen. Zur Anmeldung

Wussten Sie schon, dass ...

… Wölfe Mengen besser einschätzen können als Hunde?

Zu diesem Ergebnis kommen zwei Forscherinnen der Universität Wien. Wölfe nutzen diese numerische Vorstellungskraft für die Futtersuche, aber auch um abzuschätzen, ob der Gegner in der Überzahl ist. Bei dem Versuch sollten Hunde wie Wölfe die Menge von Käsestücken abschätzen, ohne die Gesamtmenge überblicken zu können. Während Wölfe auch zwischen verschiedenen Mengen unterscheiden konnten, waren die Hunde eher erfolgreich, wenn sie die Gesamtmenge vor Augen hatten. Den kompletten Artikel (engl.) inkl. Versuchsbeschreibung finden Sie hier.
Die Forscherinnen wollen nun herausfinden, wie es dazu kommt. Eine mögliche Erklärung: Das numerische Vorstellungsvermögen ging mit der Domestikation zurück; Haushunde müssen sich weniger um ihr tägliches Überleben kümmern als ihre wilden Verwandten. Sie haben dafür mit der Domestikation Fähigkeiten erworben, die das Zusammenleben mit dem Menschen begünstigen.  
Dazu passen Erkenntnisse des gleichen Forscherteam von Anfang letzten Jahres: Sie stellten fest, dass Wölfe ihre Artgenossen besser imitieren können als Hunde. Gerade aber diese Kooperationsfähigkeit der Wölfe untereinander haben Hunde im Laufe Domestikation noch stärker ausgeweitet; sie akzeptieren Menschen als Sozialpartner.

… Spinnenfäden einzigartig leicht, reißfest und dehnbar sind?

Wissenschaftler der Universität Würzburg sind bei der Erforschung von Spinnenfäden einen Schritt weiter gekommen. Sie haben die Abläufe an dem Proteinabschnitt sichtbar gemacht, der die einzelnen Proteine bei der Fadenbildung blitzschnell zu langen Ketten verbindet. 

Die neuen Erkenntnisse sind für die Bionik interessant. Bereits jetzt ist man in der Lage, Spinnenseide technisch nachzubauen; jedoch haben die Fäden nicht die besonderen Eigenschaften von Spinnenseide: Wie kein anderes Material verbindet sie Reißfestigkeit und Dehnbarkeit mit einem besonders niedrigen Gewicht. Textilindustrie, Fahrzeugbau und Medizintechnik sind einige der Bereiche, die von den Ergebnissen profitieren könnten.
Die Herausforderung bei diesem Projekt war, die extrem schnellen Abläufe bei der Verknüpfung der einzelnen Proteine zu zeigen. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich das Verbindungsstück am Ende eines Proteins bereits vorbereitend verändert, wenn das Protein noch unverknüpft ist – und nicht erst, wenn die Ketten gebildet werden.

Zur Meldung der Universität Würzburg

… Bakterien sich Schutzanzüge bauen?

Hilfreiche Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Medikamente: Ein internationales Forscherteam um einen Biophysiker der Universität Bonn fand heraus, dass Bakterien von einer Schutzhülle umgeben sind. Mithilfe eines „Lineals“ aus Proteinsträngen passen sie die Schutzhülle aus Lipopolysacccharidketten genau an.

Der „Schutzanzug“ ist bei Infektionen von Bedeutung, da er die erste Kontaktstelle zwischen Bakterium und Wirt ist. Die Bakterien schützen sich mit ihm vor Verletzungen und der Zerstörung durch das menschliche Immunsystem. Hier könnte nun die Entwicklung neuer Medikamente ansetzen, die die Schutzanzüge beschädigen. Die vollständige Meldung finden Sie hier.

Winter im Hohen Venn © intention/Pit Rauert
Winter im Hohen Venn © intention/Pit Rauert
IPBES Vollversammlung Januar 2015, Bonn © idw
IPBES Vollversammlung Januar 2015, Bonn © idw
Junger Seehund © Ornitograph/Fotolia
Junger Seehund © Ornitograph/Fotolia
Asexuelle Hybride sichern Überleben der Linie © Universität Göttingen
Asexuelle Hybride sichern Überleben der Linie © Universität Göttingen
Ferkel des Bunten Bentheimer Schweins © Martina Berg/Fotolia
Ferkel des Bunten Bentheimer Schweins © Martina Berg/Fotolia
Südseite des Seminarhauses mit Teich als Sonnenspiegel © Samuel J. Fleiner
Südseite des Seminarhauses mit Teich als Sonnenspiegel © Samuel J. Fleiner
GPS-Tour im Biosphärenreservat Nds. Elbtalaue © SCHUBZ-Umweltbildungszentrum
GPS-Tour im Biosphärenreservat Nds. Elbtalaue © SCHUBZ-Umweltbildungszentrum
Die Initiative Unternehmen Biologische Vielfalt 2020 lädt zum Dialogforum ein © UBI 2020
Die Initiative Unternehmen Biologische Vielfalt 2020 lädt zum Dialogforum ein © UBI 2020
Wolf © Karin Jähne/Fotolia
Wolf © Karin Jähne/Fotolia
Spinnenfäden – Wunder der Natur © Doris Oberfrank-List/Fotolia
Spinnenfäden – Wunder der Natur © Doris Oberfrank-List/Fotolia
Dr. Gregor Hagelüken inspiziert eine Nährplatte mit Bakterien. © Barbara Frommann/Uni Bonn
Dr. Gregor Hagelüken inspiziert eine Nährplatte mit Bakterien. © Barbara Frommann/Uni Bonn
Aktuelles, Projekte und Termine in unserem Newsletter
*Pflichtfeld