„Wer kapituliert, hat schon verloren.“

Wilhelm Knobloch (*1924), ist einer der ersten Umweltschützer der Bundesrepublik Deutschland – und immer noch aktiv. Der ehemalige Förster gilt als einer der Pioniere naturgemäßer Waldwirtschaft. Im Interview mit der UN-Dekade Biologische Vielfalt zeigt er ungebrochenen Kampfgeist für die Natur.

Herr Knobloch, was bedeutet biologische Vielfalt für Sie?

Biologische Vielfalt ist für mich alles, was an Leben da ist. Ich nenne das Kleinklima – der Raum vom Boden bis zum höchsten Baumgipfel. Das ist der Bereich, in dem wir leben, arbeiten, uns erholen und in dem auch die meisten Tiere und Pflanzen leben.

Man sollte sich auf dieses Kleinklima konzentrieren mit Schutzmaßnahmen. Begriffe wie Mikroklima und Makroklima sind zu abstrakt, da denken viele Leute „Was hat das denn mit mir zu tun?“. Kleinklima, das ist bürgerverständlich.

Können Sie das noch genauer erklären?

Meine 10-mal-10-Meter-Parzelle H13 in der Schrebergartensiedlung ist eine Nadelbaumoase. Das Kleinklima dort ist selbstregulierend. Die Oase ist gut fürs Klima und für die Biodiversität. Während man in den anderen Parzellen im Sommer schwitzt, ist es bei mir schön kühl – sogar bis in die angrenzenden Gartenstücke hinein. Die Lage der Vielfalt ist übrigens auch in Schrebergärten ganz dramatisch. Da gibt es viel zu viele Vorgaben. Z. B. dürfen da keine hohen Bäume stehen: „Ein Schrebergarten muss einsehbar sein“. Wozu?

Ihre Nadelbaumoase ist also etwas Besonderes?

Ja, sie verstößt wegen der hohen Waldbäume eigentlich gegen die Gartenverordnung. Dabei habe ich vor 30 Jahren nur wenig selbst gepflanzt, alles Weitere der Natur überlassen. Heute finden Sie da ein geordnetes Chaos. Das war aber nur möglich durch den damaligen Vorstand, der Imker und Naturschützer war.

Die Oase ist sicher, solange ich lebe, sogar per Gerichtsurteil. Aber natürlich ist es mir wichtig, dass die Oase mich auch überlebt. Da suchen wir noch mit Hochdruck nach Möglichkeiten oder Leuten, die sich da reinhängen können und wollen. Denn wenn die Oase verloren geht, gehen mit ihr auch die Vielfalt und der Lebensraum verloren.

Wieso eigentlich gerade Nadelbäume?

Nadelbäume sind ganzjährig grün. Laubbäume bieten z. B. Vögeln in der Stadt zu spät Deckung. Erst im Mai kommt das Laub. Da rauben vorher Greifvögel, Krähen, Elstern und Eichelhäher die Brutvögel selbst oder ihre Eier und Jungen. Dadurch gibt es weniger Singvögel: Die sind aber wichtig fürs ökologische Gleichgewicht.

Nur damit Sie mich richtig verstehen: Hier geht es um die Stadt. Generell sind Laubbäume genauso wichtig. Als Förster habe ich meinem Revier im Hardtwald Nadel- und Laubbäume gemischt, den Wald von einer Kiefernmonokultur zu vielfältigem Mischwald umgebaut – mit Totholz als Lebensraum für Spechte, Käfer und Co. und Baumstümpfen als natürliche Tränkstellen. In so einem Wald kann ausfallen, was will, es sind immer noch genügend Bäume da. Und er ist viel eher auch ein Erholungsraum.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft der Natur?

Dass Nachahmer Nadelbaumoasen in ganz Deutschland pflanzen. In Karlsruhe gibt es jetzt eine zweite Nadelbaumoase; der Forstamtsleiter und seine zwei Förster haben sie nach dem Vorbild meiner 30 Jahre alten Oase geschaffen.

Sie ist auch 10 x 10 m groß (größer darf sie immer sein, kleiner aber nicht) und mit je 10 Douglasien und Eiben, 3 Kiefernarten und je 1 Fichte und Tanne bepflanzt. Ganzjährig grüne Laubbäume wären eine Alternative. Auch die sind z. B. nützlich für Vögel. Man braucht aber Geduld. Bis so eine Oase Wirkung zeigt, vergehen schon mal 20-25 Jahre.

Wie schaffen Sie es, noch mit 93 so aktiv für die Natur zu sein?

Es gibt einfach noch so viel zu tun. Die Bäume an den Karlsruher Straßen z. B. sind fast alle beschädigt, 30000 Stück. Stellen Sie sich das mal vor!

Viele haben Sonnenbrandschäden, weil sie sich selbst keinen Schatten mehr spenden können. Wozu müssen die Bäume in unserer ruhigen Straße bis 2,50 m Höhe einen kahlen Stamm haben? Ich habe mich auch schon vor die Kettensägen gestellt, als meine Patenbäume vor dem Haus beschnitten werden sollten. Was wirklich weg muss, schneiden inzwischen Freunde für mich, weil ich nicht mehr gut sehe. Und wenn ich mich nicht gerade um den Naturschutz kümmere, dann kämpfe ich gegen Atomkraft. Ich habe einfach eine unheimliche Energie, die hatte ich immer schon.

Der ehemalige Förster Wilhelm Knobloch zeigt Sonnenbrandschäden an Parkbäumen. Bei seinen Patenbäumen versucht er, das zu vermeiden.

Bei seinen Patenbäumen achtet Knobloch darauf, dass drumherum genügend wächst, das Deckung und Sonnenschutz bietet.

Das Haus von Wilhelm Knobloch bietet vielen Tieren einen geschützten Lebensraum.

Die Nadelbaumoase in Knoblochs Schrebergartenparzelle ist schon von Weitem sichtbar.

Was auf den ersten Blick chaotisch wirkt, sind vielfältige Unterschlüpfe, Nistplätze usw., z. B. Steinhaufen für Eidechsen, eine Igelburg, Nisthilfen für Insekten und Vögel ...

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