„Für einfache Lösungen ist die Welt zu komplex.“

Erich Gussen ist Landwirt in der Jülicher Börde und Teilnehmer im UN-Dekade-Projekt „Summendes Rheinland“. Im Interview mit der UN-Dekade spricht er über brisante Schlagworte und die zahlreichen unbemerkten Schutzmaßnahmen in der Landwirtschaft.

Herr Gussen, Begriffe wie Glyphosat, Greening und Monokultur tauchen immer wieder in den Medien auf, wenn es um die Landwirtschaft geht. Wie sehen Sie das als Landwirt?

E. Gussen: Das sind zum Teil wirklich hoch emotionale Themen. Das fängt oft schon bei der Wortwahl an: Die einen nennen Glyphosat ein 'Pflanzenschutzmittel', andere sagen 'Pestizid' und wieder andere 'Ackergift'. Wir nutzen zum Beispiel Glyphosat sehr begrenzt und es hilft uns dabei, im geforderten pfluglosen Ackerbau einige sehr hartnäckige Unkräuter zu bekämpfen.

 

Wie passt denn die Verwendung von Glyphosat zu Ihrem Engagement für die Biodiversität?

E. Gussen: Wir verwenden Glyphosat unter strengen Auflagen und nur so viel wie wirklich nötig ist. Das, was wir betreiben, ist integrierter Pflanzenbau, der letztlich nachhaltige Landwirtschaft zum Ziel hat. D. h., wir nutzen auch biologische und mechanische Verfahren und beachten dabei den Landschafts- und Naturschutz sowie viele weitere Faktoren. Viele Menschen reagieren ängstlich, wenn sie die großen Maschinen sehen, mit denen wir arbeiten. Aber diese Maschinen gehören zur modernen Landwirtschaft: Sie sind so fein justiert, dass sie Pflanzenschutzmittel mit GPS-Steuerung gezielt da aufbringen, wo sie nötig sind und nur dann, wenn Bedarf ist. Denn anhand von Prognosemodellen können wir heute viel genauer vorhersagen, ob zum Beispiel ein Pilzbefall droht. So können wir den Aufwand optimieren und reduzieren. 

 

Können Sie uns einen kurzen Abriss zum so genannten Greening geben?

E. Gussen: Das Greening ist ein Förderinstrument der EU-Agrarpolitik. Landwirte müssen 5 % ihrer Ackerfläche für Greening nutzen. Greening-Maßnahmen sind z. B. Fruchtfolge, der Erhalt von Grünland, das Anlegen von Blühstreifen oder der Anbau von Zwischenfrüchten wie Ölrettich und Senf oder Leguminosen. Vieles davon setzen wir seit Jahren um. Das kann man in der Landschaft auch sehen.

 

Können Sie dazu ein paar Beispiele geben?

E. Gussen: Sie hatten ja eben die Monokulturen erwähnt: Viele Leute, die eine Landschaft mit vielen Rapsfeldern sehen, denken gleich „Monokultur“. Das hieße aber, dass jedes Jahr die gleiche Frucht auf der gleichen Fläche angebaut wird. In Sachen Fruchtfolge ist Deutschland aber top; Monokulturen gibt’s hier so gar nicht. In NRW nutzen wir seit, 20, 30 Jahren Zwischenfrüchte zur biologischen Schädlingsbekämpfung, z. B. Senf und Ölrettich gegen Nematoden, also Fadenwürmer. Laut EU müssen die Zwischenfrüchte jetzt gemischt sein, was uns bei manchen Schädlingen Probleme bereiten kann. Das System funktioniert dann nicht mehr so zuverlässig.

 

Ist es einfach, all diese Dinge im Blick zu haben? Wenn Sie so erzählen, merkt man, was für ein komplexes System aus Management, Wissenschaft und Organisation da eigentlich hinter steckt.

E. Gussen: Für einfache Lösungen ist die Welt heute nun mal zu komplex. Dabei ist auch klar, dass ein normaler Verbraucher gar nicht alles durchblicken geschweige denn sich in alles reindenken kann. Darum appellieren wir in solchen hochemotionalen Diskussionen wie zu Glyphosat auch immer an die Verhältnismäßigkeit: Gerade in der öffentlichen Debatte sind Argumente auf der Grundlage wissenschaftlich erwiesener Fakten besonders wichtig. Naturschutz funktioniert am besten mit Kooperation. Verbote funktionieren einfach nicht.

 

Vielen Dank, Herr Gussen!

 

 

 

 

 

Erich Gussen engagiert sich private und im UN-Dekade-Projekt „Summendes Rheinland“ für die biologische Vielfalt. | © E.Gussen

Erich Gussen engagiert sich private und im UN-Dekade-Projekt „Summendes Rheinland“ für die biologische Vielfalt. | © E.Gussen

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