„Die Biodiversität ist ein Ideengeber“ – Eine Begegnung mit Prof. Dr. Wilhelm Barthlott, Entdecker des Lotus-Effekts

Prof. Dr. Wilhelm Barthlott forscht zu den Themen Biodiversität, Systematik und Evolution biologischer Grenzflächen und Bionik. Die UN-Dekade besuchte ihn im Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen in Bonn. Es gab Kaffee, spannende Hintergrundinfos und: eine ganze Menge Leidenschaft!

Herr Barthlott, gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie zur Biodiversitätsforschung gebracht hat?

W. Barthlott: Anfang der ’80er Jahre war ich auf Fotoexkursion zu den Feuchtwiesen meiner Kindheit. Als ich klein war, hatte ich hier Kiebitze gesehen, Hirschkäfer und Laubfrösche gefangen. Und in dem kleinen Bach gab es Aale, Hechte und sogar Muscheln. Als ich nun mit der Kamera anrückte, war nichts mehr davon da – Schuld war nicht die kindliche Sammellust. Der kleine Bach war durch Begradigung ausgetrocknet, die Feuchtwiesen mit Orchideen waren nun überdüngte Maisfelder. Das Erlebnis war ein Schock. Und der Auslöser für die Überlegung: Wie hängt alles zusammen? Was sind die Mechanismen, mit denen wir Vielfalt bewahren können?

 

Sie sind von Haus aus Biologe und haben sich lange mit Systematik und Taxonomie befasst. Wie sind Sie zur Bionik gekommen?

W. Barthlott: Mit Bionik hatte ich erst mal gar nichts zu tun – ich kannte nicht einmal das Wort. Ich habe mir 20 Jahre lang Arten vor dem Hintergrund der Systematik angeschaut. Aber irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Genauso interessant sind doch die Funktionen! Die Natur ist seit Jahrmillionen in der Testphase. Die fertigen Resultate liegen da. Wir müssen nur hinsehen! Die Biodiversität ist ein unerschöpflicher Ideengeber, die Grundlage für die Bionik oder „Biomimetics“. Heute ist das ein Zauberwort. Und nun bin ich ein lebendes Fossil in dem Bereich: Ich war einfach 20 Jahre schneller.

 

Wie sind Sie auf den Lotus-Effekt aufmerksam geworden?

W. Barthlott: Irgendwann sind mir im Rahmen der Forschung mit dem Raster-Elektronen-Mikroskop gewisse Dinge aufgefallen. Zum Beispiel: Einige Pflanzen in den Gewächshäusern waren richtige Schmutzfinken, andere hingegen immer sauber. Die Superhydrophobie, also die selbstreinigenden Eigenschaften einiger Pflanzen, habe ich zuerst gar nicht an Lotus entdeckt, sondern an den Blättern der Kapuzinerkresse. Dass das eine technische Anwendung haben könnte, war mir zuerst selbst nicht klar. Das Thema ließ mich aber nicht los. Irgendwann haben wir dann angefangen, mit Materialwissenschaftlern zu kooperieren. Inzwischen wird der Lotus-Effekt weltweit genutzt, zum Beispiel für selbstreinigende Hausfassaden, Dachziegel und mehr.

 

Sie waren auf zahlreichen Forschungsreisen in den verschiedenen Gegenden der Erde. Was haben Sie dabei von anderen Kulturen über die biologische Vielfalt gelernt?

W. Barthlott: Bei meinen Aufenthalten in Westafrika ist mir u. a. die unglaubliche Kenntnis aufgefallen, die die indigenen Völker über die Diversität vor Ort hatten. Die kannten jede Blume, jedes Tier. Das erfordert eine genaue Beobachtung. Und deshalb spüren die Einheimischen auch Arten auf, die westlich geprägte Forscher vielleicht übersehen hätten.

 

Was ist Ihrer Meinung nach die Herausforderung in Sachen biologische Vielfalt?

W. Barthlott: Biodiversität ist schwer vermittelbar. Und auch die Folgen des Verlusts von Diverstität allgemein. Nehmen Sie zum Beispiel Bonn: Hier werden heute mehr Sprachen gesprochen als je zuvor. Aber die Dialekte verschwinden – wie Sprachen weltweit aussterben. Das gleiche passiert in der Gastronomie: Internationale Küche ist hier gut vertreten. Aber versuchen Sie mal, auf einer Speisekarte Grünkohl mit Mettwurst zu finden. Und so ist das auch bei Arten. Neue Arten wandern ein (z. B. durch den Klimawandel und die Globalisierung) und steigern so die Vielfalt. Auf der anderen Seite verdrängen sie aber auf Dauer heimische Arten. Was ich sagen will: Durch die Globalisierung steigt kurzfristig die Lebensqualität. Langfristig aber sinkt sie, denn alles ist gleich. Die Globalisierung vernichtet Diversität. Aber derzeit geht es wohl nicht anders.

 

Verlässt Sie da manchmal der Mut?

W. Barthlott: Die Frage höre ich oft. Vieles ist ja auch erschreckend. – Trotzdem: nein! Wir können etwas ändern – es ist nie zu spät. Vieles ist eine Frage der Bildung, Kultur und Weltanschauung, und hier kann ich etwas beitragen. Das ist auch der Grund, warum wir uns intensiv mit Biodiversität und Religionen beschäftigen.

 

Vielen Dank, es war ein äußerst spannender, lehrreicher und faszinierender Vormittag.

Danke – die Freude war ganz auf meiner Seite!

 

Zur Person:

Prof. Dr. Barthlott war lange Jahre Direktor des Botanischen Gartens und Leiter des Nees-Instituts für Biodiversität der Pflanzen in Bonn. Beide Institutionen prägte er maßgeblich. Für seine Entdeckung des Lotus-Effekts® (Selbstreinigung durch superhydrophobe Oberflächen) bekam Prof. Dr. Barthlott 1999 den Deutschen Umweltpreis. Die Entdeckung dieser Technologie leitete einen Paradigmenwechsel in der Oberflächentechnologie ein. Wilhelm Barthlott ist seit Sommer 2011 emeritiert, forscht aber immer noch fleißig weiter: derzeit u. a. am Salvinia-Effekt® (Reibungsreduktion durch permanent lufthaltende Oberflächen), der den Treibstoffverbrauch von Schiffen um bis zu 30 % senken könnte. Weitere Forschungsgebiete sind die Verteilung der Biodiversität, die Einflüsse der Globalisierung sowie Parallelen zwischen Bio-, Geo- und kultureller Diversität. Seine Weltkarte zur globalen Verteilung der Biodiversität ist heute ein Standardwerk.

 

Mehr Informationen rund um die Arbeiten von Prof. Dr. Barthlott unter www.lotus-salvinia.de

Mit Prof. Dr. Wilhelm Barthlott unterwegs im Botanischen Garten Bonn. | © Karen Kleser

Bei dieser Blume verhindert der Lotus-Effekt an den Wänden, dass Insekten an den Nektar gelangen, der eigentlich für Kolibris gedachtist. | © Christopher Becker

Aktuelles, Projekte und Termine in unserem Newsletter
*Pflichtfeld