„Bei Elefanten fragt sich keiner: Was tun die denn eigentlich fürs Klima?“

Peter Wohlleben ist wohl Deutschlands bekanntester Förster. Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit seinem Erscheinen 2015 in den Bestseller-Listen. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt; die neue Sichtweise auf das Lebewesen Baum und das Sozialsystem Wald sorgt weltweit für Furore.

Am 11. April 2017 besuchten wir Peter Wohlleben in seiner Waldakademie Hümmel in der Eifel. Wir wollten von ihm wissen, warum er sich so vehement für den Gedanken des Waldschutzes und eine ökologisch ausgerichtete Waldnutzung einsetzt, welche Einstellung er zum Naturschutz hat und warum er empfiehlt, Natur häufiger sich selbst zu überlassen. Das Gespräch führten Karen Kleser und Pit Rauert.

Herr Wohlleben, was bedeutet Wald für Sie?

Wald ist der naturnächste Lebensraum, den wir hier noch haben. Er gibt mir die Möglichkeit, mich zu erden. Das erlebe ich aber nicht nur im Wald, sondern auch rund um unser Selbstversorger-Forsthaus, mit Weiden und Tieren um uns herum. Es ist ja eigentlich das naturnahe Leben, für das wir gemacht sind. Und nicht dafür, am Tisch zu sitzen und Kaffee aus Porzellantassen zu trinken. Das heißt nicht, dass man nicht so leben kann, aber ganz viele Rezeptoren werden dabei gar nicht angesprochen und ich glaube, das merkt man.

Wieso vergleichen Sie Bäume mit Elefanten?

Wir teilen Lebewesen in Klassen ein: Klasse 1 sind die Menschen, Tiere sind Klasse 2, Pflanzen Klasse 3. Mit denen kann man im Prinzip machen, was man will. Pflanzen sehen wir vorwiegend als Nutzbringer für uns Menschen. Niemand kommt auf den Gedanken, so über Elefanten zu denken. Bei Elefanten fragt sich keiner: Was tun die denn eigentlich fürs Klima? Keiner würde auf den Gedanken kommen, Elefanten als Fleischlieferanten zu betrachten oder eine Herde zu „verjüngen“ – also die alten Elefanten herauszunehmen – um sie zu erhalten. Der Vergleich hinkt natürlich und soll uns vor allem die Augen öffnen.

Denn bei Bäumen machen wir das. Weil wir sie nicht verstehen. Es wäre doch schön zu wissen, was Bäume können und dass sie einfach langsamer sind. Dass auch Bäume Lebewesen sind und nicht nur dafür da, um uns Holz zu liefern. Hier haben wir eine hartnäckige Sichtblockade. Und die möchte ich gern auflösen.

Warum fühlen sich Menschen in intakten Wäldern wohl?

In Untersuchungen hat man festgestellt, dass in intakten Wäldern der Blutdruck sinkt und sie eine beruhigende Wirkung haben. In Wäldern, wo es den Bäumen schlecht geht, steigt der Blutdruck. Der Wald ist emotional ganz wichtig. Unbewusst interagieren wir mit ihm. Wir brauchen ihn, um mal wieder runter zu kommen.

Auf diese emotionale Ebene haben wir uns lange nicht eingelassen. In unserem Urwald-Reservats-Projekt haben wir schon öfter gehört, dass Leute sagen: „Halten Sie mich bitte nicht für verrückt, aber ich fühl mich so, als wenn ich nach Hause komme.“ Rein evolutionär macht das durchaus Sinn: Wenn man bedenkt, dass Menschen seit Tausenden von Jahren eine Beziehung zum Wald haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass Wald in unseren Genen verankert ist, dass wir ein Gespür dafür haben, ob es dem Wald gut geht.

Woran erkenne ich einen intakten Wald?

Intakte Wälder kann man in unseren Breiten vor allem daran erkennen, dass er viele alte Laubbäume hat. Und sie sind dunkel. Im Sommer gibt es darin fast keinen Bodenbewuchs und was noch wächst, sind fast ausschließlich junge Laubbäume. Durch solch einen Wald kann man gut durchlaufen. In einem Urwald gibt es kein Gestrüpp.

Was machen Sie anders als die konventionelle Forstwirtschaft?

Wir orientieren uns an den heimischen Laubwaldgesellschaften und greifen nicht in deren natürliche Entwicklung ein. Unsere Bäume dürfen in Ruhe „erwachsen“ werden. Das Bewirtschaftungsmodell orientiert sich an dem jahrhundertealten Plenter-Prinzip: Wir entnehmen nur einzelne Bäume, die groß gewachsen und erntereif sind, und lassen den Wald ansonsten in Ruhe. Außerdem setzen wir keine schweren Holzernte-Maschinen ein. Stattdessen arbeiten wir mit Rückepferden.

Zu unserem Konzept gehören auch Waldreservate. Durch den Pollenflug aus diesen Flächen sorgen wir für die notwendige genetische Durchmischung. Auf Nadelbäume verzichten wir komplett, ebenso auf Insektizide. Das ist in der konventionellen Waldwirtschaft anders. Selbst in Waldnaturschutzgebieten dürfen heute Kontaktinsektizide mit schönen Namen wie „Karate“ per Hubschrauber versprüht werden. Wenn sich da ein Schmetterling drauf setzt, fällt der tot runter. Das Gift bleibt für Monate wirksam, wird auch von Regen nicht runtergewaschen, das ist wie Lack.

Welche Rolle spielt der Wald als CO2-Senke und im Klimawandel?

Klimawandel ist für den Wald gar nicht das große Thema – wenn wir ihn machen lassen. Ein unbewirtschafteter Wald speichert mehr Wasser, kühlt sich selbst runter und er wird daher wesentlich besser mit steigenden Temperaturen fertig als ein „Plantagenwald“.

Wald ist eigentlich eine laufende CO2-Senke, wenn man ihn in Ruhe lässt. Es ist nicht das gleiche, ob man Holz verbrennt oder am Waldboden von Bakterien und Pilzen zersetzen lässt. Bei der natürlichen Zersetzung bleibt mindestens die Hälfte der Biomasse dauerhaft im Ökosystem.

Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Holznutzung CO2-neutral sei. Holz aus dem Wirtschaftswald schneidet in der Gesamtbilanz nicht besser ab als fossile Energieträger. Bei der Verbrennung wird natürlich CO2 frei. Und auch wenn der Wald ausgedünnt wird, gast durch die Erwärmung zusätzlich CO2 aus der Humusschicht aus. Momentan wird Holz aber CO2-neutral gerechnet und die Holznutzung weiter forciert. Nachhaltig ist das nicht.

Wie viel Waldschutz brauchen wir?

Ich plädiere dafür, dass 10 % der öffentlichen Wälder unter Schutz gestellt werden. Es gibt auch bei uns noch Waldböden, die weitgehend ungestört sind, die noch Urwaldrelikte enthalten und sich wieder regenerieren können. Die muss man m. E. auf jeden Fall erhalten. Wir möchten in Deutschland keinen Millimeter Land zur Rohstoffnutzung aufgeben, aber in Brasilien und Indonesien kämpfen wir um den Regenwald.

Gesetzlich sind Schutz, Nutzung und Erholung des Waldes gleichrangig. Tatsächlich wird aber auf 95 % der Flächen in Deutschland Holzwirtschaft betrieben. Die Frage ist: Wie viel Prozent der Landfläche wollen wir wirklich sich selbst überlassen? Selbst in Nationalparks gelingt das heute noch nicht wirklich.

Es heißt dann immer, die Fläche wird „stillgelegt“. Aber das wird sie natürlich nicht. Es wird nur verboten, Bäume zu fällen. Denn in diesen Wäldern ist es zum einen nicht still und zum anderen dürfen Menschen sie weiter nutzen, nur nicht holzwirtschaftlich.

Verlagern wir das Problem nicht bloß, wenn wir hier bei uns weniger Holz fällen?

Wir sprechen nur von einem winzigen Stück an Waldfläche, das aus der Nutzung genommen werden soll. Das ist nicht gleich der Untergang der Rohstoffversorgung. Und wir müssen das Holz deswegen auch nicht aus den Tropen holen. Unser Hauptproblem ist: Wir verbrauchen zu viel. Das heißt ja nicht, dass sich unser Lebensstil grundlegend ändern muss. Aber wir müssen die Weichen anders stellen.

Die Erfahrung zeigt: Wenn wir Wald ökologisch bewirtschaften, steigen die Qualität und die Holzerträge. Das zeigt schon nach 50 bis 100 Jahren Wirkung. Auf Kahlschlag-Flächen dagegen produzieren Sie in den nächsten 50 Jahren kein Holz mehr, Nähstoffe und Wasser gehen flöten. Sie reißen quasi die Fabrik ab.

Wie stehen Sie zum Naturschutz?

Es ist typisch für Deutschland, dass in Naturschutzgebieten in der Regel keine Natur geschützt wird. Wenn man alte Kulturgebiete schützen will, kann man das tun, aber das hat nichts mit Naturschutz zu tun. Man erhält dann nur Kulturfolger. Im Naturschutz muss man vor allem Sachen bleiben lassen. D.h. Gebiete aufkaufen, Finger raus und „stilllegen“. Das fällt Menschen total schwer, ist aber total preiswert.

Übertragen Sie das was wir hier machen mal auf Brasilien: Möchten Sie, dass jemand den Amazonas-Regenwald pflegt? Mit öffentlichen Geldern? Naturschutz bedeutet auch den Prozess zu schützen. Natur ist ja kein Bild, sie ist im Fluss.

Was macht Sie glücklich bei Ihrer Arbeit?

Eigentlich alles, was die Natur nach vorne bringt. Durch meine Bekanntheit kann ich heute ganz anders unterstützen als früher. Unser internes Motto lautet: Wir gehen jetzt von der Insel Hümmel raus auf den großen Ozean. Und das macht halt Spaß, wenn sich auf einmal etwas tut. Wir unterstützen Bewegungen von unten, Aktionen und Bürgerinitiativen. Die sehen plötzlich, dass sie etwas bewirken und verändern können. Das braucht oftmals nur einen kleinen Anschub.

Vielen Dank für das Gespräch.

Peter Wohlleben ist Förster, Autor und Vertreter der nachhaltigen Forstwirtschaft.

Peter Wohlleben ist Förster, Autor und Vertreter der nachhaltigen Forstwirtschaft.

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