Vertiefende Information zum Schwerpunktthema 2017/2018

Zwischen biologischer Vielfalt und Gesundheit gibt es zahlreiche Verbindungen. Für die UN-Dekade fassen wir sie in vier Themenfelder zusammen:

 

  1. Medizin aus der Natur
  2. Erholungsorte und Aktivitäten in der Natur
  3. Heilen mit der Natur
  4. Naturressourcen als Grundlage für Gesundheit

 

1. Medizin aus der Natur

Deutschland ist Weltmeister in der Verarbeitung von Heilpflanzen und der Herstellung von Phytopharmaka. Wir nutzen jedes Jahr durchschnittlich 45.000 Tonnen Heilpflanzen. Etwa die Hälfte der heute in Deutschland gebräuchlichen Arzneimittel basiert auf pflanzlichen Inhaltsstoffen.

 

Ein großer Teil der für medizinische Zwecke genutzten Pflanzenarten stammt nach wie vor aus Wildsammlung, meist aus Osteuropa, Asien und Afrika. Das macht den Beständen vielerorts zu schaffen. Von den 72.000 Arten, die weltweit als Heilpflanzen genutzt werden, sind derzeit etwa 15.000 in ihrem Bestand bedroht. In Europa betrifft das beispielsweise die Arnika (Arnika montana), die echte Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) und die Schlüsselblume (Primula veris). Weltweit geraten auch Knollen wie die afrikanische Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) und wild wachsender Ginseng (Panax ginseng) unter Druck. Um das heilende Potenzial der Natur – sei es bereits bekannt oder noch nicht erforscht – zu erhalten, ist ein nachhaltiger und kontrollierter Umgang damit von zentraler Bedeutung. Das gilt sowohl für die kommerzielle Nutzung als auch für das private Sammeln von Heilpflanzen.

 

Wir zeichnen daher in den nächsten beiden Jahren beispielhafte Projekte und Initiativen aus, die sich für eine biodiversitätsschonende Gewinnung, Verarbeitung oder Vermarktung von pflanzlichen und tierischen Bestandteilen aus der Natur engagieren.

 

Unternehmen

Angesprochen sind Unternehmen aus der Naturmedizin und -kosmetik ebenso wie landwirtschaftliche Erzeuger und Initiativen. Gesucht werden gute Beispiele, wie man als kommerzielles Unternehmen die nachhaltige Gewinnung, den Schutz der Biodiversität und den gerechten Vorteilsausgleich bei der Nutzung dieser natürlichen Ressourcen aktiv unterstützen kann. Eines sollte dabei klar sein: Die UN-Dekade macht keine Werbung für einzelne Marken oder Unternehmen. Die Initiativen und Projekte, die offizielles UN-Dekade-Projekt werden wollen, müssen über den regulären Geschäftsbetrieb und die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen hinausgehen und eine besondere Vorbildfunktion haben.

 

Forschung

In den vergangenen Jahren hat die Forschung im Bereich der Naturmedizin und -kosmetik vielversprechende Ansätze beispielsweise zur Kultivierung von Heilpflanzen entwickelt. Weitere Anstrengungen sind hier notwendig, um den weltweiten Druck auf die natürlichen Ressourcen und Wildbestände zu reduzieren. Für den Wettbewerb sind beispielhafte Forschungs- und Entwicklungs-Initiativen in Deutschland willkommen, die dazu beitragen, neue Anbau- sowie schonendere und effizientere Verarbeitungs- oder Substitutionsmethoden für aus der Natur gewonnene Arznei-Rohstoffe zu entwickeln.

 

Kommunikation und Bildung

Die Nachfrage nach Heil- und Aromapflanzen sowie pflanzlichen Präparaten in Medizin und Kosmetik steigt laut WWF stetig. Die repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforschung (ifd-Allensbach, Naturheilmittel, 2010) ergibt, dass es für die Mehrheit der Befragten keine Rolle spielt, woher diese Pflanzen kommen. Lediglich für die Gruppe der Verwender ist die Herkunft geringfügig wichtiger (25 %). Das Bewusstsein über die vielerorts problematischen Auswirkungen auf die Wildbestände von Heilpflanzen scheint demnach nicht sehr hoch zu sein. Die UN-Dekade zeichnet daher auch Initiativen und Projekte aus, die zur Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung über Heilpflanzen und deren Bedeutung für die biologische Vielfalt beitragen. Initiatoren und Projektträger können Bildungsträger und -einrichtungen, aber auch engagierte Apotheken, Drogerien oder Medien sein.

 

Weiterführende Informationsquellen zum Thema (Auszug)

 

 

2. Erholungsorte und Aktivitäten in der Natur

Gesund werden (bzw. bleiben) mit der Natur ist derzeit ein Trendthema: Verständlicherweise, denn unser Leben ist so eng mit der Natur verbunden, dass ohne sie etwas ganz Wesentliches fehlt. Erholung und körperliche Bewegung in der Natur wirken sich positiv auf die Gesundheit aus und können Erkrankungen vorbeugen. Das gilt u. a. für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes mellitus Typ II oder Übergewicht und deren Folgen. Allein das Betrachten von Natur beeinflusst das allgemeine Wohlbefinden positiv, wie verschiedene Studien zeigen. 

 

Das Gute daran: Diese Gesundheitsmaßnahmen sind in der Regel weder zeitlich aufwändig, noch kosten sie viel. Wandern z. B. verbessert die Leistungsfähigkeit, baut Stress ab und macht glücklich. Zudem stärkt es das Herz-Kreislauf-System und schützt vor Diabetes. Manchmal reicht schon ein Spaziergang im Park, ein Ausflug ins Grüne oder eine Sporteinheit draußen, um das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern und die Gesundheit zu unterstützen.

 

Wir zeichnen 2017/2018 daher gezielt Projekte aus, die heilsame Erholung und gesundheitsfördernde Bewegung in der Natur mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt verbinden. Akteure können private und kommunale Initiativen sein. Angesprochen sind aber auch Projektinitiativen von Natur- und Nationalparks oder Biosphärenreservaten.

 

Kommunale Initiativen

Kommunen können im Rahmen einer grünen Stadtgestaltung Einfluss auf die Gesundheit ihrer Bewohner nehmen: Stadtnatur wie Grünflächen, Parks und Stadtwälder wirken CO2- und Feinstaubbelastung entgegen, regulieren das Klima und dienen zugleich als natürlicher Schallschutz. Für viele Bewohner sind sie zudem Naherholungsorte, „grüne Sporthalle“ und „Spielplatz“. Heilbäder und Kurorte mit gesundheitsfördernden Mikroklimata, Heilquellen u. Ä. nutzen die gesundheitsfördernden Aspekte der Natur ganz explizit.  Viele dieser Gemeinden unterstützen die heilsame Wirkung der Natur auf die Erholung und Genesungsprozesse bereits durch eine biodiversitätsfördernde Grüngestaltung ihrer Kuranlagen und -parks. Gute Projekte, die auch von anderen Kommunen übernommen werden könnten, sind im UN-Dekade-Wettbewerb herzlich willkommen.

 

Gesundheitstourismus

Menschen suchen auch im Urlaub häufig Orte und Regionen auf, die ihnen eine vielfältige, abwechslungsreiche und Erholung versprechende Naturkulisse bieten. Meist steht diese Wahl nicht explizit unter dem Gesundheitsgedanken. Dennoch spielt auch dieser Aspekt vielfach unterschwellig eine Rolle und könnte daher in touristische Angebote und Konzepte einfließen. Wir suchen gute Projektbeispiele und Initiativen, die ihre besondere Naturausstattung gezielt auch für gesundheitstouristische Angebote und Konzepte nutzen und damit zugleich schützen und erhalten. Solche Projekte möchten wir zur Nachahmung empfehlen. Mit besonderen Ideen in diesem Bereich können sich Orte oder Anbieter daher gern im Projektwettbewerb der UN-Dekade bewerben.

 

Nationale Naturlandschaften

Unter der Dachmarke Nationale Naturlandschaften sind unsere Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks zusammengefasst. Sie bieten herausragende Möglichkeiten, Natur zu erleben und sich dabei zu erholen. Das gilt in ganz besonderer Weise für die Naturparks: Ihr Auftrag ist es, wertvolle Kulturlandschaften durch eine naturverträgliche Nutzung zu erhalten und zu bewahren. Hier findet sich meist bereits eine Vielzahl touristischer Angebote, die auf Erholung in der Landschaft ausgerichtet sind. Ähnliche Angebote gibt es auch in vielen Nationalparks und Biosphärenreservaten. Die UN-Dekade sucht im Rahmen des Projektwettbewerbs 2017/2018 besonders beispielhafte Projekte, Initiativen und Programme auch aus diesen Großschutzgebieten, die gezielt Erholung und Wohlempfinden fördern und zugleich die Vielfalt der Natur unterstützen.

 

Sportvereine und -verbände

Sportliche Ausdaueraktivitäten in der Natur wie Wandern, Nordic Walking, Trailrunning, Jogging und Radfahren haben häufig einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Viele Menschen, die sich aus Gesundheitsgründen gerne aktiv in der Natur bewegen, haben daher ein besonderes Verhältnis zur Natur und nehmen Rücksicht auf deren Belange. Zahlreiche Sportverbände und -vereine, die sportliche Gesundheitsprogramme anbieten, sensibilisieren ihre Mitglieder auch für eine schonende Nutzung der Natur und haben oft eigene Naturschutzprogramme. Projekte von Sportverbänden und -vereinen sind in den Jahren 2017 und 2018 besonders eingeladen, sich am UN-Dekade-Wettbewerb zu beteiligen und anderen als Vorbild zu dienen.

 

Weiterführende Informationsquellen zum Thema (Auszug):

 

 

3. Heilen in der Natur (physisch und mental)

 

Zur Ruhe kommen beim Anblick eines Bergpanoramas, zu Atem kommen am Meer, zu Kräften kommen im Wald. Zahlreiche Menschen verbinden weite Landschaften intuitiv mit physischer, mentaler oder spiritueller Heilung. Solche Landschaften werden „Therapeutische Landschaften“ genannt. Kuraufenthalte oder Urlaube in diesen – meist großen – Landschaften haben häufig eine spürbar positive Wirkung auf das Wohlbefinden. Doch auch im Kleinen entfaltet Natur ihre heilsame Wirkung.

 

Therapeutische Angebote in der Natur lassen sich manchmal mit Maßnahmen verknüpfen, die dazu beitragen, die biologische Vielfalt zu erhalten oder zu verbessern. Solche Projekte ermöglichen es, sich aktiv zu beteiligen, Wertschätzung zu erfahren, über das körperliche Mit-Anpacken und die Bewegung in der Natur körperlichen und seelischen Stress abzubauen und die eigenen Heilkräfte zu mobilisieren. Der Kontakt untereinander und das gemeinsame Tun in der Natur können insbesondere bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung der Persönlichkeit unterstützen, seelisch stabilisieren und Sinn stiften.

 

 

Heilgärten

Bereits Hildegard von Bingen hat „Gesundheitsgärten“ in ihr Konzept zur Naturheilkunde aufgenommen. Mit „heilend“ ist in diesem Fall vor allem die beruhigende, Stress abbauende Wirkung der Natur gemeint. Studien belegen, dass Patienten in Pflegeeinrichtungen wie Altenheimen, Kliniken oder Krankenhäusern mit Zugang zu Parkanlagen oder gar Heilgärten sich insgesamt wohler fühlen, weniger angespannt sind und häufig auch schneller genesen. Zuweilen ist es sogar möglich, die medikamentöse Behandlung von innerer Unruhe und Ängsten durch einen Zugang zur Natur zu reduzieren. Heilgärten, die zugleich die Biodiversität fördern, erfüllen gleich mehrere positive Ziele. Auch solche Projekte sind im Wettbewerb der UN-Dekade willkommen.

 

Zielgruppen der Projekte, die wir in den Jahren 2017/2018 im Wettbewerb der UN-Dekade suchen, sind Menschen mit akuten oder chronischen Erkrankungen, die sich durch therapeutische Maßnahmen in der Natur verbessern lassen. Dazu zählen z. B. Suchtkranke oder Menschen mit Burnout, Essstörungen oder Depressionen, aber auch Menschen mit Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- oder Muskel-Skelett-Erkrankungen. Als Initiatoren kommen Kur- und Rehakliniken in Frage, aber auch Rentenversicherungen, Berufsgenossenschaften, Krankenkassen sowie Ärzte.

 

Weiterführende Informationsquellen zum Thema (Auszug):

 

 

4. Naturressourcen als Grundlage für Gesundheit

 

Sauberes Wasser, gesunde Böden sowie eine gute Atemluft sind elementare Grundlagen für unsere Gesundheit. Voraussetzung dafür, dass die Natur diese Ressourcen bereitstellen kann, sind intakte und funktionierende Ökosysteme. Im Schwerpunktthema „Gesund – Mit der Vielfalt der Natur“ zeichnet die UN-Dekade daher in den kommenden Jahren auch Projekte aus, die die Natur dabei unterstützen, ihre natürlichen Leistungen zu erbringen.

 

Das können beispielsweise Projekte und Initiativen zur Waldentwicklung oder zur Renaturierung von Auen, Bächen, Flüssen und Seen sein. Sie sollten die Biodiversität erhalten, Wasserschutzgebiete einrichten oder Bodenschutzmaßnahmen umsetzen und eine natürliche Regenerierung der Böden fördern.

 

 

Wasser

Die Qualität unseres Trinkwassers hängt nicht nur von den Wasserwerken ab, sondern ganz wesentlich von der Qualität unserer Böden und ihrer Fähigkeit, Schadstoffe und andere Verunreinigungen herauszufiltern und abzubauen. Diese Funktionen können sie umso besser erbringen, je natürlicher sie sind und je weniger sie mit Schadstoffen belastet sind. Schadstoffeinträge kommen vor allem aus der Landwirtschaft, aber auch – über den Regen – aus der Luft.

 

Böden

Maßnahmen und Bewirtschaftungsweisen, die die Belastung der Böden mit Schadstoffen reduzieren und die Arbeit der Bodenorganismen stärken, tragen dazu bei, dass die Früchte dieser Böden weniger belastet sind. Und sie verbessern die Qualität unseres Trinkwassers. Durch eine naturschonende Bewirtschaftung gelangen weniger Schadstoffe in die Böden und in die Gewässer und die Vielfalt der Bodenorganismen kann sich entfalten.

 

Auen

Auen, Feuchtwiesen und Moore können riesige Mengen Wasser speichern und filtern. Auen sind zudem Hotspots der Biodiversität, in denen sich spezialisierte Arten ansiedeln: Denn wenn sich ein Bach oder Fluss bei Hochwasser ausdehnt, sind sie zeitweise überflutet. Sie sind aber auch besonders interessante und abwechslungsreiche Naherholungsgebiete, in denen Menschen ihren Alltagsstress abbauen können.

 

Wälder

Wälder in Stadtnähe spielen für die Gesundheit der Stadtbewohner eine wichtige Rolle. Als wichtige Luftfilter, Wasserspeicher und Klimaanlage sind Wälder aber auch im übertragenen Sinne Erholungsorte. Akteure aus der Forstwirtschaft könnten solche Projekte anstoßen, die helfen, die Ökosystemleistungen der Wälder zu erhalten.

 

Weiterführende Informationsquellen zum Thema (Auszug):